Abi de luxe
Schule als Erlebnisevent

Luxus-Internate wie die Landerziehungsheime Birklehof, Neubeuern, Salem oder Stein an der Traun haben wieder Konjunktur. Zumindest in der Welt des Medien-Boulevards. Dabei hatten sie über Jahrzehnte eine ausgesprochen schlechte Presse. Noch zu Beginn der 1990er Jahre galten die Institute als “vom Aussterben bedroht“. Erst in den letzten zwei Jahrzehnten mutierten sie zum Lieblings-Sujet für Docu-Soaps, Kinderprogramme, Feuilleton- und Gesellschaftsseiten. Das zum Höhenflug in der Mediengunst noch fehlende Sahnehäubchen steuerte zuletzt der ewige Zauberlehrling Harry Potter bei. „Dank Schloss Hogwarts“, jubelte da WELT-Autor Holger Kreitling unter der Rubrik <Vermischtes>, „hat der Internatsaufenthalt bei Schülern seinen Schrecken weitgehend verloren. Auch in Deutschland.“ Und legt gleich noch die übliche Schleichwerbung aus dem PR-Baukasten für Internatsmakler und Privatschulverbände nach:

 „Hierzulande waren Internate nie besonders wohlgelitten - mit Standesdünkel behaftet, wurden sie oft misstrauisch beäugt. Nun träumen die Generationen vom Sehnsuchtsort Internat, wo die Eltern fern sind und die Gemeinschaft groß. Auf dem Land sind die Kinder auch gleich fern der städtischen Versuchungen; es gibt ja auch in Hogwarts nur Butterbier und Vielsafttrank. Die Erziehungsanstalt als ultimatives Karrierebeschleunigungsmittel passt in die aktuellen Bildungsdebatten. Im Internat werden Netzwerke gebildet und künftige Bürger geformt.“  

Na, großartig. Selbst im seriöseren Bildungsfunk tauchen mittlerweile wohlmeinende Beiträge auf, die Internatserziehung als „Bildungsmodell mit Zukunft“ zur Diskussion stellen.

Wie dieser Umschwung der veröffentlichten Meinung bewirkt werden und aus welchen Gründen das Märchen von einem Imagewandel der bis dahin „misstrauisch beäugten“ Wohnschulbranche selbst in den „gebildeten Schichten“ auf so frucht-baren Boden fallen konnte, lässt sich anhand der folgenden Textauszüge nachvollziehen:

Der unabhängige Internatsberater Peter Giersiepen berichtet über die Folgen einer jahrelangen journalitischen Desinformationskampagne:

"Schlechte Schule - gute Schule - Internat
In Deutschland wird seit geraumer Zeit in vielen Zeitungsartikeln folgendes Credo beinahe gebetsmühlenartig wiederholt: Öffentliche Schule gleich schlechte Schule versus Privatschulen gleich gute Schule. Als Steigerung dieses Gegensatzpaares könnte die Gleichung im Trend der Ganztagsschule heißen: Die beste Schule ist die Internatsschule. Es ist richtig, dass viele Schulfachleute auf die Vorteile der Ganztagsschule hinweisen. Mit dem Entstehen von Ganztagsschulen verbinden viele Zeitgenossen automatisch bessere Chancen für die Kinder von heute. [...] Die Steigerung dieses Konzepts - so jedenfalls die gängige Argumentation von Internaten - sei das Internat, weil dort bereits heute für junge Menschen das Leben und Lernen unter einem Dach stattfindet. Weil die Internate fast ausschließlich in privater Hand sind, wird die gelungene Ganztagsbetreuung mit Privatschule bzw. Internat gleichgesetzt. Auch hier gilt umso mehr: Nur wenn die materielle und personelle Ausstattung wirklich vorhanden ist, leisten Internate diese gelungene Ganztagsbetreuung, die vielen Eltern von heute als Ideal vorschwebt. Leider jedoch klagen in immer noch zu vielen Internaten Eltern wie Schüler über zu viel Leerlauf sowie über zu wenig tatsächlich vorhandene Lern-, Förder- und Freizeitangebote. Dies überrascht zunächst und ist wenig bekannt. Viele Eltern schämen sich nämlich, öffentlich oder im Bekanntenkreis ihre Unzufriedenheit über das von ihnen selbst gewählte Internat zu äußern, für das sie doch schon genug Geld ausgeben. Somit hält sich leider das Image, dass private Internate grundsätzlich die besten Ganztagsschulen seien.“

"Die tatsächlichen und vermeintlichen deutschen Bildungsmiseren", schreibt Regina Mönch am 14. Februar 2007 in der FAZ, "vor allem die zum Teil schrille Diskussion darüber, haben viele Eltern eher verunsichert denn aufgeklärt.“ Weiter heißt es:  

„[...] Die staatliche deutsche Schule wird schlechter geredet, als sie ist, und es fehlt ihr an glaubwürdigen Verteidigern. [...] Und die Mittelschicht, von Abstiegsängsten heimgesucht, aber auch entnervt angesichts hilfloser Appelle, auf die heilsame Wirkung guter sozialer Mischungen zu vertrauen: Sie kündigt einen Konsens auf, der bald zweihundert Jahre gehalten hat und eine Modernisierung hervorbrachte, von der wir heute noch zehren. Vergessen scheint der kanonische Satz im Allgemeinen Preußischen Landrecht (1794): <Schulen und Universitäten sind Veranstaltungen des Staates, welche den Unterricht der Jugend in nützlichen Kenntnissen und Wissenschaften zur Absicht haben.> Das Privatschulwesen, das in Deutschland eine gute Tradition als Ergänzung und gesunde Konkurrenz des staatlichen hatte, profitiert nun von schlechtgelaunten und unglücklichen Lehrern, von fehlenden Putzfrauen, von mysteriösen Fehlstunden an Staatsschulen, die niemand aufklären will – und die es in Privatschulen trotz gleicher Ausstattung nicht gibt –, und von der Weigerung einer Gesellschaft, offen über die Folgen sozialer und kultureller Veränderungen zu streiten. Damit droht ein Fundament zu zerfallen, ein kulturelles zumal, auf dem die deutsche Schule steht, seit dem achtzehnten Jahrhundert, das man nicht von ungefähr immer noch das „pädagogische Jahrhundert“ nennt. Es brachte, unter anderem, das neuhumanistische Gymnasium hervor: eine Schule, die jeden auf-zunehmen hatte, der es leisten konnte, nicht aber nur den, der es sich leisten konnte." [Hervorhebung d. Verf.]

Der Medien-Hype der Luxusinternate passt sich bestens in eine dramatische gesellschaftliche Entwicklung ein, die als Rückkehr zur Zwei-Klassen-Gesellschaft, ja als schleichende Refeudalisierung, bezeichnet wird, in der sozialer Aufstieg durch Bildung längst zur Illusion geworden ist und sich die Wohlhabenden von "Loosern", "Opfern" und "Assis" abzusetzen versuchen, indem sie sich die [vermeintlich] "bessere Bildung" kaufen. Getreu dem alten Sprichwort: "Haste was, [biste] wirste was!".

Dem ordnet sich die Politik geschmeidig unter, indem sie die Vorgaben des Artikels 7 unserer Verfassung, der eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern verbietet, weitgehend ignoriert. Laut Urteil des Bundesverfassungsgerichts (Beschluss des I. Senats vom 9. März 1994 1 BvR 682, 712/88, BVerfGE 90, 107) verletzt bereits ein verhältnismäßig bescheidenes Schulgeld von 170 DM [knapp 87,00 Euro] monatlich das Verbot so genannter Standesschulen. Salem & Co. berechnen jedoch - trotz einer auf den ersten Blick beeindruckenden Zahl von Ermäßigungen und Stipendien (darunter allerdings nur wenige Freistellen!) - im Durchschnitt erwiesenermaßen wesent- lich höhere Elternbeiträge. Das Finanzgericht Köln (Urteil vom 14.02.2008, Az.: 10 K 7404/01) zog aus dieser Tatsache den Schluss, "dass das Sonderungsverbot in der Anerkennungspraxis der Bundesländer nicht ernst genommen" werde.

Da verwundert es kaum, dass die Sonderschulen der Geldaristokratie mittlerweile immer kecker auftreten und keinerlei Hemmungen zeigen, sich der Zahlkundschaft mit dem Werbeargument zu präsentieren, ihre Absolventen seien auch bei nur mäßigen Notendurchschnitten gegenüber den 1-er-Abiturienten öffentlicher Schulen immer im Vorteil, weil sie von den Beziehungs-Netzwerken einflussreicher Alumni, Freunde und Förderer profitieren könnten bzw. über schicht-spezifische Soft-Skills verfügten, mit denen sie sich in Auswahlgesprächen gegenüber besser befähigten Mitbewerbern ohne entsprechenden Background erfahrungsgemäß durchsetzten. „Kaderschmieden mit Karrieregarantie“ und Netz- werkelite eben.

Der rhetorischen "Elitisierung" der Bildung im Sinne einer gezielten Umdeutung des Elitebegriffs kommt in der Selbst-darstellung preislich exklusiver Luxusinternate eine besondere Bedeutung zu. Der Anspruch, Elite zu sein bzw. Elite heranbilden zu wollen, gründet sich nicht auf Exzellenz [Begabungen und Leistungen der Schüler], sondern auf Herkunft und Zugehörigkeit. Qualifizierend im elitären Sinne soll neben [angeblich] besten äußeren Lernbedingungen vor allem eine jeder Wissensvermittlung übergeordnete "Charakterbildung" sein, die die Vermittlung bestimmter „Werte“ sowie "soziales Engagement" im Gemeinschaftsleben des Internats [z.B. verpflichtende soziale Dienste und die Übernahme bestimmter Kapo-Funktionen innerhalb der Internatshierachie (vielfach "Ämter" genannt)] beinhaltet, deren Ergebnis die "Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung" sein soll, die wiederum auf spätere Führungs-aufgaben vorbereitet. Die Neue Zürcher Zeitung beschreibt die Funktion von "Eliteinternaten" dieses Typs so:

"Eliten haben ein Interesse an der Weitergabe ihrer Position an die Nachkommen. Viele Mitglieder der Elite träumen davon, eine Dynastie zu gründen. Die eigenen Söhne und Töchter sollen auch der Elite angehören. Wichtig sind darum Institutionen, die den eigenen Kindern den Einstieg in elitäre Kreise ermöglichen. Dank einer guten Bildung und Erziehung soll der eigene Nachwuchs auch Entscheidungsträger werden und Machtpositionen übernehmen. Eliteschulen kommen diesem Bedürfnis entgegen. Es wird suggeriert, dass dank einem hochprofessionellen Unterricht und Top-Lehrern aus dem Nachwuchs künftige Führungspersönlichkeiten geschmiedet werden können. In den Beschreibungen von Eliteschulen erkennt man die Rhetorik der Selbst-legitimation elitärer Kreise. Es wird eine hochkarätige Ausbildung versprochen, meist in einem internationalen Setting und einem geschützten Raum. Eliteschulen passen sich dem Selbstbild elitärer Kreise an. Oft wird behauptet, dass sie ausserordentliche Begabungen erkennen und adäquat fördern können."

Solchermaßen zur „Übernahme von Verantwortung“ erzogen, erklärt man sich zur "Verantwortungselite". Dieser Begriff wird dem der akademischen Exzellenz durchaus selbstbewusst entgegengesetzt, indem man die „Notengläubigkeit“ egalitärer Auswahlverfahren kritisiert oder sogar überlegen belächelt. Vorrangig dient die eigene Elite-Definition sowohl den angeblichen Eliteschulen als auch ihrer traditionellen Kundschaft zur Selbstaufwertung. Gleichzeitig erlaubt sie die ideologische  Rechtfertigung der Tatsache, dass die Beziehungspflege der Netzwerkelite den freien Wettbewerb einer offenen Leistungsgesellschaft aushebelt, um sozial privilegierten Jugendlichen berufliche und soziale Positionen zu sichern, auf die diese bereits qua Geburt und Herkunft, also auch ohne exzellente Leistungen, Anspruch zu haben glauben. Der Satz: "Ich will später Verantwortung in der Wirtschaft übernehmen", von aufgegelten Youngstern selbstbewusst in Reportermikrofone und -kameras gesprochen, stellt in Wirklichkeit nur die rhetorische Camouflage für die Erblichkeit des Geldadels dar, der das Leistungsprinzip nach Meinung des "Forums für Medienkritik und Gesellschaftsentwürfe" lediglich zum eigenen Machterhalt missbraucht.

Um von der Tatsache des Verbots von Standesschulen abzulenken, entwickeln die Luxus-Internate spezielle Marketing- und PR-Strategien, die die Allgemeinheit von ihrer gesellschaftlichen Relevanz überzeugen sollen. Der Trick: Die jeweils aktuelle Erziehungs- und Bildungsdiskussion wird entweder opportunistisch instrumentalisiert, oder es wird gezielt irgendeine Erziehungs- und Bildungsdebatte vom Zaun gebrochen (siehe die Streitschrift "Lob der Disziplin" des Ex-Salem-Leiters Bernhard Bueb), in der das Luxusinternat sich als Rettung für wenige Privilegierte und als leuchtendes Vorbild für das gesamte Erziehungs- und Bildungswesen unentbehrlich zu machen sucht. Ob zu viel oder zu wenig Zucht und Ordnung, übereilte oder ausbleibende Reformen, kuschelige Reformpädagogik oder elitäre Hochbegabten-förderung, Bildungs- oder Erziehungskrise, G8 oder G9 etc. - stets hört man von Salem & Co ein „Ick bün all hier!“ Ganz wie in der Fabel vom Hasen und dem Igel stehen die Bezahlschulen mit ihren – oft mehrdeutigen – Konzepten immer gleich-zeitig auf der Start- und der Ziellinie, um nur ja keinen Nachfragetrend zu verpassen. Und immer gilt es zeitgleich irgendwelchen "Vorurteilen" zu wehren und sich dabei zum Gegenteil dessen zu bekennen, was man noch gestern selbst postuliert hat: Nein, elitär habe man nie sein wollen. Nein, das Bild von der Auffangstation für Problemschüler sei überholt. Nein, eine soziale Selektion der Schüler finde dank großzügiger Stipendienvergabe in Wahrheit gar nicht statt. Seit die Reformpädagogik durch den ruchbar gewordenen inflationären Missbrauch an Glanz verloren hat, heißt das neue Schlagwort nun plötzlich doch „Akademisierung“, d.h. nun soll doch die geistige Leistung neben der "Charakterbildung" mindestens gleichrangig sein. 

Wer ein gutes Gedächtnis oder Archiv hat, kann sich über die Profillosigkeit der Profile und die geringe Halbwertzeit der pompösen Haus- und Erziehungsphilosophien nur wundern. Um ein paar reformpädagogische Allerweltsphrasen herum, die der Traditionswerbung dienen, irrlichtert die pädagogische Beliebigkeit je nach Markt- und Kassenlage. Ganz im Gegensatz hierzu stehen die vermeintlichen Vorurteile, zu deren Überwindung die Internatswerbung in stetiger Regel-mäßigkeit auffordert und denen nach Jahrzehnten der gebetsmühlenartigen Wiederholung doch eigentlich längst der Boden entzogen sein müsste. Doch gerade sie bzw. die ihnen entsprechende Realität scheinen die einzige feste Größe zu sein, auf die die Zahlkundschaft von je her rechnen kann: 

"Vernachlässigte Kinder aus reichen Verhältnissen", schreibt Birgitta vom Lehn im "Rheinischen Merkur" vom 29.04.2010,  "landen im Internat. Gegen das Vorurteil, Verwahranstalt für Problemfälle zu sein, haben die Internate seit je kämpfen müssen. Auch deshalb sind sie verlässliche Werbepartner. Hartmut Ferenschild, Geschäftsführer der Internatsberatung der 21 Landerziehungsheim-Internate [Anm.: Inzwischen gehören dem Verband nur noch 15 Einrichtungen an], spricht lieber von „Oasen in der deutschen Erziehungswüste“ und „zu Ende gedachten Ganztagsschulen“. Gerade zu Zeiten von G8 könne man punkten. Doch so sehr auch Leistungen ins Rampenlicht rücken sollen, so sicher ist: Weniger die Institution als der prominente Familienname garantiert dem Internatszögling seinen späteren Aufstieg oder zumindest Klassenerhalt."

Doch bis es so weit ist, muss der "schöne Schein", sprich: das elitäre Image von Salem & Co. gewahrt bleiben. Da sitzen dann alle in einem Boot: Die noblen Institute, die um ihre Einnahmen bangen, die noble Zahlkundschaft, die grundsätzlich nach der Devise verfährt, dass auf Eliteinternate nur die Besten gehörten (selbstverständlich abgesehen von dem eigenen Kind), sowie die nicht ganz so noble, weil wohlstandsverwahrloste Eleven-Generation „Samtschleife" (Harald Schmidt), die um ihren Vorsprung auf der Überholspur fürchtet. "Eine geschlossene Gesellschaft" nennt man das seit Heinrich Breloers hervorragendem Doku-Drama von 1987 über katholische Internatserziehung in den 1950er Jahren.  Jürgen Busche hat in der Zeitschrift "Cicero" die Mechanismen des Vertuschens um des "guten Rufs" und der Vermeidung unliebsamen Aufsehens willen, die so typisch sind für die "Schulen der Eliten" (nicht zu verwechseln mit Schulen, die Eliten hervorbringen!) am Beispiel des Berliner Canisius-Kollegs (von dem die Initialzündung für den größten, Skandal ausging, der die Elite-Sonderschulen Deutschlands je erschüttert hat), sehr gut beschrieben. Seine Analyse versuchte - "im Jahr des Missbrauchs" [besser: der nicht mehr zu verhindernden Veröffentlichung im Frühjahr 2010!] – zu erklären, warum Gewalt und sexuelle Übergriffe inflationären Ausmaßes in kirchlichen und säkularen Eliteinternaten über Jahrzehnte praktiziert und vertuscht werden konnten. FOCUS online sprach in diesem Zusammenhang von Tausenden noch unentdeckter Fälle auch in den „besten“ Internaten und von mafiösen Strukturen.

Die Luxuspennen-Mafia, zu deren Kombattanten getrost auch die käufliche Journaille gezählt werden kann, die die Öffentlichkeit bereits seit Jahrzehnten auftragsgemäß mit dem PR-Märchen von einem "Imagewandel" narrt, ist emsig bemüht, das Image der pädagogischen Traumfabriken und Luftschlösser möglichst gegen unangenehme Enthüllungen zu schützen. Kritische Berichterstattung, sofern diese vereinzelt über-haupt noch stattfindet, wird mit juristischen Mitteln massiv bekämpft, so sie nicht - wie Jan Christoph Wiechmanns 2002 mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichneter "stern"-Beitrag "Die Rebellen von Schloss Salem" - vorsichtshalber gleich mit einem begütigenden Vorwort der Chef-redaktion entschärft wird.   

Unverhüllte Kritik von Schülerseite hat sich in die Nischen von Ratgeber- und Verbraucherportalen des Webs verflüchtigt, das die unliebsam erwähnten Institute aber ebenfalls mit Hilfe von Rechtsanwälten zu durchforsten und zu reinigen suchen. Einblicke in die sorgfältig abgeschottete Internatswelt wie Lukas Lessings Salem-Reportage „Ganz oben“ (siehe „Tempo“ 9/1987, S. 36 ff.), könnten heute wohl nicht mehr erscheinen. Zur Erinnerung eine kurze Leseprobe:

Seite 42: „Ob du adelig bist oder nicht, ist in Salem egal“, sagt Silke. „Hier kommt’s nur auf die Kohle an.“ [...] „Da rufen dann die Mütter an: ‚Ja, sagen Sie mal, jetzt zahlen wir extra so viel, und mein Bubi ist in dem und dem Zimmer, und bababababa’, und schon ist er in einem größeren. Vorm Geld muss die Schulleitung kuschen, das braucht sie eben.“

Seite 43: „Sein oder Schein, das ist die Frage. Ich bin Stipendiat, ein ‚Stip’, wie das entsprechende Schimpfwort heißt. Als Stip bist du das letzte Arschloch. Wie oft ich ans Bett gefesselt worden bin, Bücher auf den Kopf geknallt, Bücher durchbohrt, alle meine Schulsachen kaputtgemacht. Aber jetzt werde ich in Ruhe gelassen – weil ich mitsaufe. Mit Drogen wollte ich eigentlich nie etwas zu tun haben, aber hier ist das unumgänglich. Wenn jetzt ein Neuer kommt und so gequält wird, da mach ich zwar nicht mit - noch nicht -, aber ich lache. Ich trink mein Bier und lache.“
 
[...] „Alle wissen: Das ganze Sozialgetue und Moralgewinsel ist Blödsinn, überflüssig, verlogen – einerseits. Andererseits wird kaum einer der Schüler ernsthaft was auf Salem kommen lassen – man weiß eben auch, daß das Sozialgetue im Prinzip richtig ist, wenn es nur nicht so verlogen wäre. [...] Die Dummen protzen mit ihren Kari-bikreisen, die Klugen lassen ihre Angebereien in Nebensätze einfließen. Beiläufig. In Salem protzt man mit Understatement. [...] Man weiß schon, daß man unter sich ist – ganz oben. Man weiß das und genießt es – ein angenehmer Grundton. Obwohl die Zeiten, in denen man als Salemer schon automatisch wer war, offenbar vorbei sind.“ 

Damit diese Zeiten seligen Angedenkens alsbald wiederkehren, identifiziert sich "Generation Samtschleife" heute ostentativ mit ihren Luxuspennen. Da wird willig Schuluniform angelegt (DER SPIEGEL: "Die 11. Klasse, sagt [Salem-Leiter] Bueb, will sogar Jacketts tragen."), der Aufnahmekandidat vom Vertrauensschüler der Internatsleitung listig auf eventuelle Trunksucht getestet oder im Internet eine sog. Troll-Frage gepostet: Was haltet ihr von Eliteinternaten wie Salem und Neubeuern? Hervorragende Ausbildung oder gekauftes Abitur? (Anschließend outet sich der Troll: "also um ehrlich zu sein, bin ich selbst auf salem...wollte nur wissen was ihr dazu sagt.")  

Wer sich heraus nimmt, narzisstischen Internatstrollen die Bewunderung zu versagen, muss damit rechnen, internet-öffentlich gemaßregelt und zu tätiger Reue aufgefordert zu werden. Kommentar einer Salem Schülerin:

"Ich finde ihre Ausdrucksweise unmöglich und vor allem unpassend. In einem gewissen Sinne schäme ich mich durch ihren Beitrag für meine Schule und für allem für sie. Wie können sie nur Dinge behaupten, die einfach nicht der Wahrheit ent-sprechen und nebenbei andere Leute zutiefst beleidigen? Ich finde es unverschämt uns in so einer Weise niederzumachen und fühle mich fast gekränkt. ("Lazaretten für die armen Kinder reicher Leute", "Wohlstandsverwahrlosten" und "Bootcamp für Schwererziehbare"). Ich bitte Sie darum sich für diese Vorwürfe und Beleidigungen zu entschuldigen. Bevor sie das nächste Mal solche Kommentare abgeben, wäre es sinnvoll, sich die Schule anzuschauen und mit den Schülern und Lehrern zu reden (die sich hier wohlfühlen und gerne hier sind). Mit freundlich Grüßen, eine in Salem glückliche Schülerin"

Das "Newsroom" genannte, (angebliche) Schülerportal der vier bayrischen Edel-Bezahlschulen Schloss Neubeuern, Schloss Stein, Schloss Reichersbeuern und Landheim Schondorf, die mit dem Sammelbegriff "Internate" so umgehen, als hätten sie ihn für sich  gepachtet, kommt grafisch und technisch zwar äußerst professionell daher. Inhaltlich jedoch ist’s eher dünn als pfiffig. Verlautbarungen, die man aufgrund eines von früher gewohnten frischen Schülerzeitungsstils als "Aktuelle Beiträge unserer Schüler" (Untertitel der Seite) identifizieren könnte, sucht man vergebens. Stattdessen erwarten den Leser Modetipps (Zitat: Ja, ist denn schon wieder Wies'n?) und biedere Erklär-Bär-Themen, die man eigentlich in Elternrundschreiben oder Schulprospekten vermutet hätte. Genau dies deutet auf eine offensichtlich in solchen Luxusschulen tatsächlich besonders verbreitete Schülerspezies hin, die die Journa-listin Julia Friedrichs in ihrem Buch "Gestatten Elite" sehr treffend als "Wohlstands-kranke" beschreibt. Textauszug (S. 143 f.):

Einer aus dem Kollegium, der nicht genannt werden möchte, formuliert es drastischer: "Viele unserer Schüler leiden unter der Wohlstandskrankheit."
"Was ist das, die Wohlstandskrankheit?"
"Dieses Verhalten, das aus dem Gefühl entsteht: Mir fehlt es an nichts. Mir geht es gut. Macht ihr mal. Und wenn es mir gefällt, mache ich vielleicht mit. Und wenn nicht, dann nicht. Die kommen aus einem Hintergrund, wo immer Geld da ist. Die haben sich meistens noch nie in ihrem Leben für irgendetwas anstrengen, für irgendetwas kämpfen müssen."
[...] Vielen seiner Schüler, klagt jemand aus dem Kollegium, fehlten der Schwung und die Motivation für eine ganz normale schulische Arbeit. "Die haben das Gefühl, dass nach dem Abitur schon alles geebnet ist, dass Papas Unternehmen wohl auch noch die nächsten dreißig Jahre Bestand hat, dass Geld da ist  und eigentlich gar nichts passieren kann. Das ist sicherlich an einer staatlichen Schule, wo ein Aufstiegswille motivierend wirken kann, anders."
Ich bin verwirrt. Erste Zweifel melden sich. Die Lehrer erzählen von antriebslosen Kindern, vom Kampf um Disziplin. Von Schulkarrieren, die es zu retten gilt. Das klingt nach Hauptschuldiskussion. Bin ich tatsächlich an einem Internat, das von sich behauptet, Eliten auszubilden? "Unsere Schüler wissen, dass Papas Chefsessel wartet", beschwert sich ein Lehrer. Im Prospekt der Schule finde ich eine Tabelle der Schul- und Internatsgebühren und plötzlich begreife ich. Nach Neubeuern kommen nicht die, die in meiner Welt reich waren. Die Arzttöchter, die zum Abitur einen Golf bekamen, oder die, die mit der Familie jedes Jahr zum Skifahren reisten. Neubeuern kann sich nur leisten, wer richtig viel Geld hat - ein paar Adlige, Kinder aus traditionellen Unternehmerfamilien, neuerdings auch welche, deren Väter mit Aktien viel Geld gemacht haben. Und zwei Prominente sind auch da: Ein Kind und ein Enkel zweier Schlagerstars.
 
 
Eine Rezension des Buches im Deutschlandfunk nennt das "Klassenkampf von oben" und definiert die hier vorgeführte Schüler-"Elite" als "Schnösel, deren Selbstwertgefühl auf Abgrenzung“ beruhe. Diese Verschnöselung färbt zwangsläufig auf diejenigen ab, die die pädagogische Verantwortung für die Luxusvariante von Schulbildung tragen. Ihre Privatisierung zwingt nämlich zur Orientierung am Kunden und führt - wohl aus Mangel an Selbstwertgefühl der zu Dienstleistern degradierten Lehrkräfte und Erzieher - zur Überidentifikation mit denen, die den Laden durch ihre Zahlungen am Laufen halten. Damit sind Erziehung und Bildung den gnadenlosen Marktmechanismen ausgeliefert. Sich von den Privatschul-Konkurrenten abzugrenzen, ist angesichts rückläufiger Anmeldungen zur Frage des Überlebens geworden. Deshalb herrscht heute in der "pädagogischen Provinz" der zumeist ländlich gelegenen Lernschlösser eine ungesunde Betriebsamkeit, eine ständige Jagd nach Superlativen, Attraktionen und technischen Gimmiks, die bestenfalls bei oberflächlichen Naturen - darunter sicherlich ein Großteil der traditionellen Stammkundschaft des Bezahlschulwesens - den Eindruck von "Modernität" und "Effektivität" zu erzeugen vermag.

"Die jüngsten Abiturienten, die besten Noten, die schnellsten Denker: Das Nobel-Internat Schloss Torgelow", schreibt SPIEGEL- Autor Oliver Trenkamp, "erzeugt immer neue Superlative, um ein Produkt zu verkaufen, das es überall umsonst gibt - das Abitur".

"Wenn man sich heute von anderen Privatschulen unterscheiden möchte", verrät der Systemadministrator des Landerziehungsheims Louisenlund, Hermann Busch, die Gesetzmäßigkeiten des Internatsmarkts, "muss man ein paar Extras bieten. Jetzt können wir sagen, dass wir eine hochmoderne Kommunikationsinfrastruktur haben, die den Mitarbeitern wie den Schülern zugute kommt. Sie dient als Medium für Bildung und Administration wie auch als Mittel für soziale Interaktion und Freizeit."

Altehrwürdige Schulgemäuer, die ihr Inventar noch vor kurzem aus dem Filmfundus der "Feuerzangenbowle" entliehen zu haben schienen, stürzen sich mittlerweile in die Materialschlacht um Whiteboards, Tablet-PCs und Hochleistungsbeamer, als gehe es um die digitale Weltherrschaft. Das Internat Schloss Neubeuern etwa, dessen Lehrkräfte sich noch bei Julia Friedrichs über die Verwöhnungsschäden ihrer Schüler beklagten (siehe oben), präsentiert sich neuerdings als "luxuriöse Zukunftsschule" (Der SPIEGEL) und Deutschlands erste papierlose Schule mit dem ersten digitalen Abitur. Das klingt nach noch mehr Verwöhnung statt nach Verwöhnungsvermeidung, denn „alle Unterrichtsmaterialien, Notizen, Termine, Tests, Noten, Hausaufgaben und Freizeitaktivitäten“, so freut sich Neubeuerns Leiter Jörg Müller in einer Pressemitteilung, werden dort jetzt „an persönlichen und modellgleichen PCs verwaltet, bearbeitet und mit Smartphones synchronisiert“. Pech nur, dass diese Neuerungen mitten in die Diskussion um die Risiken einer digitalen Demenz durch exzessive Computernutzung platzen, die nach Auffassung des Hirnforschers Manfred Spitzer bei Kindern zu Kontrollverlust, sozialem Abstieg und Depressionen führen könnten. Weit problematischer als die hirnorganischen und psychischen Gefahren der hier beschriebenen schönen neuen Gimmik-Lernwelt erscheint allerdings die Tatsache, dass die Schüler der allseitigen Überwachung durch Erwachsene in einem Ausmaß ausgesetzt werden, das Aldous Huxleys Dystopie einer hoch technisierten, genormten und manipulierten Gesellschaft, in der Menschen automatenähnlich funktionieren, in nichts nachsteht. So berichtet „Financial Times Deutschland “ vom 07.02.2012:  

„Jederzeit zugreifen kann auch der Lehrer mithilfe seines digitalen Lehrerpults auf die Schüler-Desktops, und so verhindern, dass die sich während des Unterrichts bei Facebook herumtreiben. Das digitale Klassenzimmer ist eben auch ein gläsernes. Die Schüler lernen in Neubeuern, sich in einer komplett vernetzten Welt zu organisieren, auch nach Unterrichtsschluss. Denn dann werden Hausaufgaben per E-Mail verteilt, Termine und Noten online überprüft, wobei letzteres auch die Eltern jederzeit können.“

Im Hinblick auf das Menschenbild einer solchen marktkonformen Pädagogik (und den Realitätssinn des pädagogischen Fachpersonals!) lässt es nichts Gutes ahnen, wenn Schulleiter Müller auf die kritische Frage, ob dies nicht ein Zuviel an Kontrolle bedeute, mit den Worten abwiegelt:

„’Das sind unsere Schüler gewohnt’, sagt er, ‚die haben keine Geheimnisse vor ihren Eltern.’ Letztlich gehe es darum, den Jugendlichen beizubringen, sich in einer digitalen Welt intuitiv zurechtzufinden und ihnen so einen Wettbewerbsvorteil für das Berufsleben zu verschaffen.“

Derweil übt sich die Lehrerschaft – bereits ebenso hochgradig verschnöselt wie digital vernetzt – schon mal in „Neusprech“, „Zwie-“ und „Doppeldenk“. So heißt es in einem Imagefilm über das „Noten online“ genannte digitale Informationssystem der Internatsschule:

„Noten online hat die Kommunikation über Noten, und vor allem um das Bemühen um Leistung, zwischen Mentoren und Lehrern, Schülern und Eltern unglaublich beschleunigt und verselbständigt. Die damit verbundene Transparenz ist für alle Beteiligten ein enormer Gewinn. Die Eltern und Schüler können in den Benach-richtigungsoptionen festlegen, in welchen Zeitabständen sie die Notenübersicht oder Auszüge daraus per Email erhalten möchten. Darüber hinaus kann genau festgelegt werden, in welchen Fällen eine Sofortbenachrichtigung über das Unterschreiten einer Note oder eines Notendurchschnitts erfolgen soll. Auch die Schüler haben sehr, sehr schnell erkannt, welche Vorteile das neue Medium für sie hat. Sie nutzen es und freuen sich immens. [...] Der Erfolg gibt dem Konzept Recht. Schon von Beginn an waren deutlich über 2000 Zugriffe monatlich auf den Login- und Notenbereich zu verzeichnen.“

Mit der unglaublichen Beschleunigung eines solchen durchdigitalisierten „Menschenparks“ (Sloterdijk), dessen Insassen zur eigenen immensen Freude stromlinienförmig an die Anforderungen einer schönen neuen Berufswelt angepasst werden, können sicherlich nicht alle Konkurrenten aus der edlen Wohnschulbranche Schritt halten. Aber vielleicht kann man der digitalen Materialschlacht im Klassenzimmer ja echte Manpower entgegenwerfen, besseres „Schülermaterial“ sozusagen – ein Ausdruck, der heute (ähnlich wie der Begriff „Menschenmaterial“) ein wenig aus der Mode gekommen zu sein scheint und nur noch – bis zur vollständigen Digitalisierung des deutschen Bildungswesens – für die Arbeitsmittel in Gebrauch ist, die unvernetzte Lehrer freudlos in ihrem analogen Unterricht austeilen. In Louisenlund zum Beispiel hat sich Werner Esser, dem in Salem „das Geistige zu kurz kam“, nach zehn weiteren Berufsjahren als Gründungsrektor der sächsischen Landesschule für mehrfach Hochbegabt, die Aufgabe gestellt, einer traditionsreichen reformpädagogischen Schule ein „Exzellenzkonzept“ zu „implementieren“. Man wird sehen. Die Landesschule St. Afra in Meissen steckt im Jubiläumsjahr ihrer Eröffnung in einer existenziellen Krise. Und aus Louisenlund kommen schlechte Nachrichten von Schüler- und Elternprotesten.

Da verlautet Tröstliches aus jenen analogen „Oasen in der Erziehungswüste“, die ihre Digitalisierung und Exzellenzimple-mentierung noch vor sich haben. Da tobt das wirkliche Leben, mit richtigen Flugzeugkatastrophen, echtem Matsch für die kollektive Schlammschlacht und realer deutscher Braukunst als handfeste Alternative zu „Butterbier“ und „Vielsafttrank“. Da ist nicht nur die Ganztagsschule zu Ende gedacht, da wird die Lebensphilosophie eines Schulgründers nachgespielt wie im Weihnachtsmärchen. Ruckedigu, plus est en vous!

„Lernst Du noch oder erlebst Du schon?“ titelt treffend ein Schülerzeitungsartikel zweier 10t-Klässler eines staatlichen bayrischen Gymnasiums über ihren dreitägigen Besuch in der Mittelstufe der Schule Schloss Salem – dem analogen Gegenevent zu Neubeuern sozusagen. Die Schüler-Reporter machen keinen Hehl aus ihrer Begeisterung für heitere Salemer Geselligkeit in überwiegend sehr betuchter Schülerrunde, die sich nur durch "dickere Uhren" und  niveauvollere Tischgespräche von ihren weniger privilegierten Altersgenossen unterscheiden und ansonsten die vielfältigen Abwechs-lungen ihres Internatsalltags in vollen Zügen genießen. Hier ein Auszug:

„Diesen Dienstagabend ist das Lokal beinahe vollständig mit Salem-Schülerinnen und
Schülern gefüllt. Gehen sie nicht ins „Gögginger Stüble“, dann ins Billard-Café (BC) des Internats, wo House-Musik aus dem Laptop schallt. Diese Location steht übri-gens auch „zum Chillout vor dem Unterricht“ bereit. Dann gibt es noch das Clubhaus. Das Internat stellt dieses kleine Gebäude am Rande des ehemaligen Klostergeländes den Schülern zur Verfügung. [...] Das abendliche Beisammensein im „Göggs“ ähnelt der Atmosphäre Freitagabend im Touch Down, nur sind in Salem die Uhren etwas dicker:
„Ist dein T-Shirt von Trigema?“
„Äh ja…“
„Ah, von meinem Onkel!“
Leo Grupps Onkel gehört der schwäbische Textilkonzern. Wie Leo sind die meisten Schüler Salems auf reiche Eltern angewiesen, denn diese müssen für einen Monat 2320 Euro blechen, das macht 27 840 Euro im Jahr. Sie kommen beispielsweise von den bayerischen Seen oder aus den USA, China und Spanien. Nicht selten ist Englisch die Tischsprache. Auch adelige Namen hört man hier oft. Eine Schule für verwöhnte Millionärssöhne, die Wirtschaftslenker von morgen, die Elite unseres Landes, die sich sowieso um nichts mehr Sorgen machen muss?
Der deutsche Reformpädagoge und Schulgründer Kurt Hahn sagte in seinen Salemer Thesen: „Erlöst die Söhne und Töchter wohlhabender Familien vom entnervenden Gefühl der Privilegiertheit.“ Arroganz findet sich in keiner Ecke des Internats. Und für die Aufnahme ist nicht in allen Fällen Papas dicke Brieftasche entscheidend. Wer kein Geld hat, kann sich seinen Salem-Aufenthalt auch durch ein Stipendium finanzieren. Die Auswahlkriterien sind allerdings hart: Rollenspiele, zahlreiche Gespräche und Beobachtung des Sozialverhaltens der Bewerber. „Die wichtigsten Voraussetzungen für einen Schüler sind Neugier und die Lust, etwas Neues auszuprobieren“, sagt Unterrichtsleiter Peter Wimmer. „Jeder hat Stärken und Schwächen. Aber die Schule tut ja nicht nur was für den Schüler. Der Schüler bereichert unser Schulleben.“ Alle kennen hier das Gefühl, neu an die Schule zu kommen und sich erst zurechtfinden zu müssen. So sind viele der 266 Schüler der Mittelstufe, welche die Lehrer im zentralen Standort Schloss Salem unterrichten, erst am Schuljahresanfang dazugekommen. In einigen Klassen muss sich dann jeder zweite ins Internat einleben. Wie Fabian Winkler, der vorher ein staatliches Gymnasium besucht hat. „Oft wird für Salem der Begriff Eliteinternat verwendet, aber mit Leistung hat das nichts zu tun. Hier sucht man vielmehr die soziale Elite, wobei vor allem der Charakter des Schülers zählt.“ Dabei müssen sicherlich Regeln eingehalten werden. Diese sind aber nur in der Unterstufe wirklich streng...
[...] Als vor wenigen Jahren zwei Flugzeuge über dem Bodensee abgestürzt sind, waren auch Salemschüler im Einsatz. „Leichenteile Einsammeln ist was anderes, als wenn ich das in der Zeitung lese und denke: Oh, ist das schlimm“, sagt Peter Wimmer, Unterrichtsleiter. Ein hartes Beispiel, jedoch grundlegendes Prinzip der Erlebnispädagogik Kurt Hahns. Für Schüler der achten und neunten Klasse ist die Ausübung eines Handwerks in den schuleigenen Werkstätten Pflicht. Für die Älteren sind das die Salemer Dienste wie Feuerwehr, Nautik oder Nachhilfe für Migrantenkinder.
In jedem Zeitraum zwischen den Ferien steht für den Unterricht ein Thema im Mittelpunkt. Die vielen Projekte dazu gestalten sich zusammen mit AGs und Diensten, stets sind Schüler und Lehrer auf der Suche nach der Verbindung von Theorie und Alltag. Die Vereinten Nationen im Modell, das SchnickSchnackSchnuck-Turnier am Wochenende und die traditionelle Schlammschlacht am Anfang jedes Schuljahres – in Salem wird etwas geboten. [...] So betont Peter Wimmer: „Der entscheidende Punkt ist, dass ich die Sachen nicht nur lerne, sondern auch erlebe.“

Wenn Harry Potter und der gesamte Medienboulevard nun Massen Neugieriger in die Internate locken, die sich aus schierem Erlebnishunger von ihrer gefühlten Privilegierung erlösen lassen möchten, dann sind Salem & Co. für diese Käuferschicht genauso gut gerüstet wie für jede andere davor und danach.

Aber vielleicht wird man in den Luxus-Lehranstalten bald erkennen, dass die Privilegierten mit den Schulsorgen und Erziehungsnöten noch immer die sicherste Bank sind, weil sie traditionell die nachhaltigste Belegung garantieren. Denn die Nachfragemotive eventorientierter Schnösel, denen der Aufenthalt im Luxusinternat lediglich zur narzisstischen Selbstinszenierung und zur Abgrenzung von der Welt der "Assis" und "Opfer" dient, erscheinen doch recht instabil. Die Bindung an die jeweilige Bezahlschule ist schwach. Unzufriedenheit mit dem jeweiligen Dienstleistungsangebot führt zu hektischen Wechseln über Ländergrenzen und Kontinente hinweg. Die Glabalisierung hat den Internatsnomaden hervorgebracht, der dahin geht, wo man ihn am besten "fördert". Die obige Schülerreportage scheint diesen Trend zu bestätigen. Denn wenn tatsächlich in vielen Mittelstufen-Klassen der Schule Schloss Salem fast 50 Prozent "Neue" sitzen, müssen zuvor ja ebenso viele das Feld geräumt haben, die sich durch gelegentliches Leichenteile-Aufsammeln im Überlinger Wald, Schnick-Schnack-Schnuck am Wochenende oder die alljährliche Schlammschlacht vielleicht nicht hinreichend bespaßt fühlten.

Andere scheinen, trotz des offiziellen Bescheidenheitsgetues, vom Treibhausklima der dicken Hosen und dicken Uhren angeödet. So schreibt eine Schülerin, die von Salem ins staatliche Billiginternat Schloss Ising flüchtete,  auf "gutefrage.net":

"Ich war schon auf salem und mir hats da 0 gefallen! Weil wenn du da iwas trägst was nicht grad marke ist bist du out und da gibt es auch nur 2 gruppen die coolen und die outen und du kommst sofort in die eine odere andere gruppe ob man dich kennt oder nicht! Und iwie sind da alle so oberflächlich... jetzt bin ich ising am chiemsee auch wenn da die zimmer etwas kleiner sind fühlt man sich da iwie besser weil man da nicht die einstellung hat ok meine eltern haben das geld also kann mir eh alles egal sein :D ok ich wei0 meine einstellung ist zwar nen bisschen so aber ich kann mich auch mit wenig zufrieden geben da meine freunde auf der grundschule und bis zur 7 eher kleine ghetto kinder oder so waren :D und ich da nicht durch geld auffallen wollte :D Naja aber du musst es wissen ;) LG"

Aber zum Glück wechseln die nachwachsenden Schülergenerationen ihren Sozialcharakter und damit ihr Nach- frageverhalten ja im Abstand der Veröffentlichung von Jugendstudien. Und auch Salem & Co. wissen immer neue Kundenreservoirs zu erschließen. Nach den Jugendämtern, die ihre Problemfälle dort zu günstigen Tagessätzen unterbrachten, entdeckte man die "neuen Eliten" in Russland, China oder dem wilden Kurdistan, wobei es sich wohl um die zu Businessmen mutierte Unterwelt-Elite handeln dürfte, die durch Raub, Mord und Korruption bei der Aneignung der früheren Staatsbetriebe zu Reichtum gelangt ist. Derzeit werden bildungsbewusste Mittelschichteltern umworben, die sich Luxusinternate bislang weder leisten konnten noch leisten wollten, aber dem öffentlichen Schulwesen, von dumpfer Abstiegsangst getrieben, angeblich vermehrt den Rücken kehren. Sie sollen mit Rabatt-Offerten verlockt werden, das letzte Geld einschließlich eines Zuschusses von Omas Rente für die vermeintliche Karrierechance im Beziehungssumpf der Netzwerkelite zu mobilisieren.

Aktuell könnten die frisch akademisierten, exzellenzimplementierten und digital unglaublich beschleunigten privaten Luxus-Lehranstalten, die  gerade hektisch versuchen, den früheren reformpädagogischen Schlendrian abzuschütteln, der „Generation Biedermeier“ immense Freude bereiten. Junge Menschen, die aus Angst vor dem beruflichen Absturz schon als altkluge Kompetenzhamster im Businessoutfit zur Welt kommen, erscheinen besonders empfänglich für die Karriere-Verheißungen einer neofeudalen Bildungsindustrie. 

Doch selbst das lemminghafte Fluchtverhalten angstgetriebener Frühkarrieristen, die in ihrer Panik gern die Titanic mit der Arche Noah verwechseln,  scheint kein zuverlässiger Garant mehr für beste Auslastung bei höchster Schülerqualität zu sein. So sehr man auch nach besserer Kundschaft fischt - Es scheinen sich immer die Gleichen um Aufnahme zu bewerben, die unter dem Vorzeichen der Akademisierung und Exzellenzimplementierung aber nun die Falschen sind. Pünktlich zu Beginn des Schuljahrs 2012/2013 meldet das Hamburger Abendblatt, dass die Schule Schloss Salem unter ihrem nach langer Stellenvakanz frisch inaugurierten neuen Leiter, Bernd Westermeier (vormals Landesschule Pforta), jetzt auf Qualität statt auf Quantität setze. [Anm.: Das war also bisher umgekehrt? Und das entsprechende Vorurteil demnach berechtigt?] Reiche Problemkinder wolle man nun nicht mehr aufnehmen. 30 Betten sind allerding zu Schuljahresbeginn leer geblieben. Mal sehen, wie lange die guten Vorsätze halten, wenn auch die neuesten Werbe-Gimmiks versagen und die Nachfrage weiter schwindet.

U. Lange       

 

 

 


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