Eliteinternate: Auswahl der Besten?

Elite bedeutet "Auswahl der Besten". Internatsschulen, die sich selbst als Elite-Einrichtungen präsentieren oder es zulassen, als solche bezeichnet zu werden, müssten also bei der Schüleraufnahme besonders strenge Maßstäbe anlegen. Nur die intelligentesten, wohlerzogensten und charaktervollsten Eleven dürften hier Zugang haben. Aber können Eliteinternate diesen Anspruch einlösen?

Um die Antwort gleich vorweg zu nehmen: Sie können es nicht. Wer erwartet, in den sog. Eliteinternaten Musterkinder mit besten Schulleistungen anzutreffen, die sich stets bemühen, durch vorbildliches Verhalten Ehre einzulegen für ihre noblen Bildungsstätten, wird bitter enttäuscht. Gemessen an dem Maßstab der Schülerqualität sind Elite-internate eine Lachnummer. Woran liegt das?

Um den selbsternannten oder sogenannten Elite-Instituten auf den Zahn zu fühlen, ist zunächst die präzise Frage zu stellen, ob die als Eliteinternate bezeichneten oder sich bezeichnenden Einrichtungen in Deutschland tatsächlich über bestimmte "elitäre" Eigenschaften ihrer Schüler identifizierbar sind; genauer: ob die Aufnahme in das betreffende Institut von nachprüfbaren Voraussetzungen wie hoher Intelligenz, besonderer Leistungsfähigkeit und Leistungs-bereitschaft, vorbildlichem Verhalten oder ähnlichen Eigenschaften abhängig ist und ob die Spitzen- und Führungs-positionen in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Kultur usw. aufgrund der nachgewiesenen Vorzüge signifikant häufiger mit Absolventen dieser Einrichtungen besetzt wer. Oder noch grundsätzlicher formuliert: Kann nachgewiesen werden, dass eine relativ kleine Anzahl von Wohnschulen der Premium-Klasse in der Lage ist, eine Auswahl von Kindern und Jugendlichen mit besonders guten Voraussetzungen (Begabung, Erziehung, Persönlichkeitsstruktur usw.) intellektuell so zu bilden, charakterlich so zu formen und verhaltensmäßig so zu konditionieren, dass sie sich im Wettbewerb einer offenen Leistungsgesellschaft um die wichtigten  Führungspositionen gegen nicht so aufwändig sozialisierte Mitbewerber über- durchschnittlich häufig durchsetzen?
 
Die Auswahlkriterien der Eliteinternate
Welche der rund 350 deutschen Internatsschulen und Schülerheime zu den Eliteinternaten gezählt werden dürfen, ist keineswegs unumstritten. Schon von der Zweckbestimmung und der Definition des Elitebegriffs her bestehen große Unterschiede.

Relativ leicht erscheint die Zuordnung dann, wenn die Einrichtungen selbst elitäre Zielsetzungen oder Zweckbestimmungen ausweisen bzw. sogar im Namen/im Schulprogramm tragen. Dies trifft zum Beispiel zu für die "Eliteschulen des Sports", die "Spezialschulen für Naturwissenschaften, Sprachen, Musik, Kunst" (nur in Ostdeutschland), die "Landesgymnasien für Hochbegabte, für Musik, für Kunst usw.", die Schulen "mit Exzellenz- und Spitzenförderung", die "Hochleistergymnasien" u.a.m. Siehe zum Beispiel:

Allerdings stößt man in einschlägigen Presseberichten, Hörfunk-Features, TV-Reportagen und ähnlichen Publikationen immer wieder auf Informationen, die daran zweifeln lassen, dass die mit dem jeweils propagierten Elite-Konzept verbundenen Auswahlkriterien tatsächlich mit der notwendigen Konsequenz exekutiert werden. Einige Leseproben zum Beleg:

"In der DDR flog der runter, der nichts draufhatte. Das war konsequent. Und heute? Da sind in einer Klasse höchstens zehn Prozent Leistungssportler", sagte die 42-jährige Fischer der "Sport Bild" zum Thema Sportschulen. "Mein Sohn war auf einer solchen Eliteschule des Sports. Die stehen auf dem Schulhof, rauchen und kiffen. Die Nicht-Leistungssportler ziehen die anderen mit runter." (Quelle)
 
von ehemalsmama 27.10.2011 20:17
"Es entstand bei uns teilweise der Einruck, dass Kinder ihren Eltern zuliebe dort sind und Karriere machen. Oder, weil sie einfach aus den unterschiedlichsten Gruenden von zuhause weg wollten.[...] Es gibt kaum Schmierereien, die Schule ist sauber, von Gewalt hoert man wenig. Allerdings auch keine Tuerken, Araber, oder aehnliche Gruppen mit Migrationshintergrund. Dafuer viel Narrenfreiheit fuer sportliche Leuchten und eine Menge Kids, die in anderen Schulen wegen Zappelei o.aehnlichen Stoerungen auffaellig waren oder waeren. [...] Tja, und man ist drin in dem System, sowie das Kind aufgenommen wurde: ploetzlich verselbstaendigt sich vieles, weil man Dinge geschehen laesst, die man vorher fuer undenkbar hielt. Weil das Kind selbst dort Blut geleckt hat, mit und dabei sein will in dieser Riesentraumfabrik. Elite eben...und alles nur fuer diese Anerkennung von Aussen.
Was passiert hier eigentlich? Wer redet ueber vollkommen kaputte Knie von 14- jaehrigen Fussballerinnen, ueber kaputte Sehnen und Baender bei viel zu jungen Judokas? Ueber die vielen koerperlichen Malessen viel zu junger und uebertrainierter HERANWACHSENDER? Wo waechst die Seele mit und der dauergeschundene Koerper, wer troestet und kuschelt mal mit den Kids nach so einem Mammuttag? Erzieher? Doch nicht wirklich, das waere auch ein verfehlter Anspruch....welcher Erzieher weiss denn wirklich, was geht, auch zuhause, die die sich wirklich interessieren und nicht auf irgendeiner Etage Tee trinken. Was ist denn mit der inoffiziellen Abschiedsfeier, rund um den Bereich Sportschuele findet man regelmaessig am letzten Montag im Schuljahr derartige Schnapsleichen und DAS weiss auch die Schul- und Wohnheimsleitung. Da werden schon mal sehr juge Sportler ins Wohnheim getragen, das habe ich selbst gesehen, da muss der Notarzt kommen".
 
von Mutter einer ehemaligen Sportschülerin 27.10.2011 21:53
"DANKE, ehemalsmama!!!! Es ist genauso und das ist die WAHRHEIT! Ich hätte es nicht besser schreiben können. Es muss an die Öffentlichkeit, wie der Alltag dort an der Potsdamer "Elite"- Schule aussieht.... mit all seinen Trainern, Erziehern, Lehrern, der Wohnheimleitung und der Schulleitung! Und es ist sehr, sehr traurig wie sich unsere Gesellschaft entwickelt, eine Gesellschaft ohne WERTE!" 
(Quelle)
 
"Die Leistungsträger unter den Schülern, die sich in den sozialen Diensten engagieren, Schul-sprecher sind oder im Schülerrat mitmachen, sind in der Regel Stipendiaten. Etwa ein Drittel der Schüler bekommt ein Stipendium. Sie werden sorgfältig ausgewählt. Wer jedoch voll zahlt, wird unbesehen genommen. Man wirbt um die „Vollzahler“, denn sie sichern den Bestand der Schule,
und mit ihren Gebühren bringen sie auch die Kosten für die Stipendiaten auf.
In puncto Leistungsverteilung ist es in Salem genau umgekehrt wie an anderen Schulen: Hier gibt es nicht die übliche Normalverteilung mit viel Durchschnitt, wenigen Spitzen und ein paar Versagern, sondern mehr Extreme: Hohe Leistungen und diejenigen, die durchgeschleppt werden müssen.
" (Quelle)
 
"In Salem gibt es überhaupt keinen Unterschied zwischen den Stipendiaten und den andren Schülern (Weder die Schulsprecher, noch der Ess-Saal-Kaptiän sind Stipendiaten). Jeder Schüler, ob Stipendiat oder nicht-Stipendiat engagiert sich für die Schule, manche mehr und manche weniger, doch es gibt keine zwei Gruppen von Schülern. Außerdem kann man nicht immer im Allgemeinen sagen, dass Stipendiaten gute Schüler sind! Die Stipendiaten werden weder missbraucht, noch sind sie immer die Klassenbesten. [...] Mit freundlich Grüßen, eine in Salem glückliche Schülerin". (Quelle)
 
"Die Bewerber um die jährlich zu vergebenden 25 Plätze in der 9. Klasse werden im viertägigen 'Landexamen' getestet, Zugangsvoraussetzung ist in der Regel ein Schnitt von mindestens 2,0 in der 8. Klasse und ein Empfehlungsschreiben des örtlichen Pfarrers.
Maulbronn setzt statt Werbung auf Familientradition: Vater, Mutter, Onkel oder Tanten sind oft Ex-Seminaristen, nicht selten Pfarrer oder Lehrer. Seine Schüler bezeichnet Küenzlen als 'Bildungselite'. Sie sollen in Maulbronn durch nichts am Lernen gehindert werden, schon gar nicht durch das Auffangen gesellschaftlicher Missstände in Form von Mitschülern. Der Tag hinter den dicken Klostermauern (Unesco-Weltkulturerbe) ist straff organisiert: Er beginnt um 6.50 Uhr mit Frühstück und Andacht, geht weiter mit Unterricht, Mittagessen, Unterricht, Arbeitszeit, Musikstunden oder Chor, Abendessen.
Um halb zehn abends muss jeder Seminarist in seinem Wohntrakt sein, um 22 Uhr geht in den Mehrbettzimmern das Licht aus. Die Eleven nehmen den Stress mit Humor: "Wenn du hier allein sein willst, musst du aufs Klo."
[...] Aber selbst diese Musterschüler sind in der Phase, 'wo aus dem braven Hänschen der wilde Hans wird', wie der Ephorus formuliert. Er war selbst mal hier und kennt alle Schleichwege rund um die drei Todsünden, die in Deutschlands Internaten meist zum Rausschmiss führen: Auszusteigen und, noch schlimmer, beim anderen Geschlecht einzusteigen sind zwei von ihnen. Die Dritte besteht im Konsum von Drogen. Alkohol zählen fast alle Internatsbetreiber dazu. Ab 22 Uhr werden deshalb, zur Vereinfachung der Kontrolle, Deutsch- lands Internate zum Knast. Dienstagabends, wenn seine Schützlinge zugunsten eines Hilfsprojekts auf das Abendessen verzichten, setzt Ephorus Küenzlen sich in die örtliche Pizzeria und beobachtet den Pächter beim Entgegennehmen nächtlicher Hungernotrufe. Bald darauf drückt sich der Pizzabäcker schwer bepackt am Rektor vorbei, läuft über den Innenhof der Klosteranlage und füllt einen an der Mauer heruntergelassenen Korb." (Quelle: Stern vom 02. 01. 2009, Seite 84-96).
 
"Von 'normalen' Problemen anderer Internate oder Schulen ist auch das Vorzeigegymnasium nicht frei. Es sind immer Einzelfälle, aber Schüler berichten von Drogen, Alkohol, Diebstahl, Mobbing, autistischen Kindern und vom Ritzen der eigenen Haut unter psychischem Druck. Im Mai drohte ein fast Achtzehnjähriger im Internet mit einem Amoklauf, scherzhaft zwar, aber von der Schulleitung sehr ernst genommen. [...] Die Zahl der Bewerber schwankte stets [...]. Seit 2009 sinkt sie stetig und liegt in diesem Jahr noch bei 77 für die knapp 50 Plätze pro Jahrgang. Seit 2008 ist auch der Abiturdurchschnitt leicht von 1,6 auf 1,8 gesunken. Schwerer wiegt der angeschlagene Ruf. 'In Sachsen laufen die Spezialgymnasien mit vertiefter Ausbildung St. Afra inzwischen den Rang ab', stellt Frank Haubitz als Vorsitzender des Philologenverbandes fest. [...] Ob die aufgenommenen Kinder wirklich immer Mehrfach-Hochbegabte sind, bezweifeln inzwi- schen auch Mitschüler. Es fällt auf, dass unter ihnen zunehmend Kinder von Ministerialbeamten sind - etwa der Sohn des Regierungssprechers. Aber auch solche Schüler sind neuerdings nicht vor dem Sitzenbleiben gefeit." (Quelle)

NGZ-Interview mit  Johannes Gillrath, seit dem 1. August 2011 neuer Schulleiter am katholischen Norbert-Gymnasium Knechtsteden, Eliteschule des Sports (15.12.2011)
"Gillrath: Seit ich da bin, habe ich festgestellt, dass einige Jahrgangsstufen zu sorglos mit den Räumen umgehen. Mir fehlt die Wertschätzung des Reinigungspersonals. Jeder von uns macht Dreck, aber ich habe ein Problem, wenn ältere Menschen den Müll der Schüler aufheben müssen.
Deshalb haben sie die Mensa als Aufenthaltsort dicht gemacht?
Gillrath: Ich habe mehrere freundliche Durchsagen gemacht und einen Brief geschrieben. Als keine Reaktion kam, habe ich die Mensa, die seit letzten Freitag wieder offen ist, vorübergehend geschlossen, um ein Zeichen zu setzen.
Hat Sie der heftige Protest überrascht?
Gillrath: Ich fand das nicht dramatisch, ich kannte eine so luxuriöse Situation wie hier gar nicht. Leider hat die Schülerschaft nicht das Gespräch mit mir oder jemand anderem aus der Schul-leitung gesucht. Das aber erwarte ich von jedem, der unzufrieden ist. [...]
Sind die Kinder überfordert?
Gillrath: Ja, deutlich. Auch wir haben Schüler mit Magersucht, Abhängigkeit von Medien und Verwahrlosung. Das gibt's überall, ganz massiv. Deshalb brauchen wir einen Therapeuten und Sozialarbeiter für schwere Fälle."
(Quelle)
 
"Es war ein Tag im November, als in Louisenlund, Schloss an der Schlei und traditionsreiche Stätte gehobener Internatserziehung, die Revolution ausbrach. Schüler riefen 'Chaos-Tage' aus, blieben dem Unterricht fern und zogen zu nächtlicher Stunde mit Fackeln ums Schloss. Lehrer, so hört man, sympathisierten. Drei Tage lang ging nichts mehr.
Der Anlass der Unruhen: Louisenlund hat einen neuen Schulleiter. Werner Esser, einst Salem-Pädagoge und zuletzt Leiter des staatlichen sächsischen Hochbegabten-Gymnasiums Sankt Afra in Meißen, ist angetreten, das akademische Niveau zu heben.
Kein kleiner Schock für die Anhänger der Louisenlunder Internatspädagogik. Das feine Institut orientiert sich an den Ideen Kurt Hahns, der 1920 in Salem die Landerziehungsbewegung ins Leben rief. Louisenlunder lernen Kuttersegeln, schulen ihren Gemeinschaftssinn bei der Feuer- wehr und engagieren sich in allerlei 'Gilden' - vom Politikprojekt bis zum Theaterspiel. Mit Essers Amtsantritt drohte ein Kulturkampf im Nobelinternat: Schüler und Teile der Lehrerschaft sahen die Traditionen verraten, fürchteten strammen Drill statt ganzheitlicher Erziehung. Doch ein Zurück zur alten Idylle ist nicht in Sicht. Ingeborg Prinzessin zu Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg höchstselbst, Vorstandsvorsitzende der das Internat tragenden Stiftung, hat den neuen Kurs angeordnet. Denn in Louisenlund blieben Plätze frei." (Quelle)
 
Ganz offensichtlich ist die Rigidität, mit der die "Eliteschüler" ausgelesen werden, in vielen "Eliteinternaten" von der jeweiligen Nachfragesituation, sprich: Kassenlage der Einrichtung, abhängig. Zudem scheint es eine Tendenz seitens der Eltern zu geben, die Bemühungen der Internate um eine "Auswahl der Besten" dadurch zu unterlaufen, dass sie ihren Nachwuchs aus Prestigegründen immer genau dort unterzubringen versuchen, wo Aufnahmebedingungen herrschen, die dieser nicht erfüllen kann. Getreu dem Wahlspruch des Zynikers Oscar Wilde: "Einem Club, der mich aufnehmen würde, würde ich nie beitreten!" Zögerlicher Aufnahmebereitschaft der Schuloberen wird dann notfalls mit einer großzügigen Spende nachgeholfen. Infolgedessen ist die Schülerschaft von Elite-Internaten bestenfalls als "gemischt" zu beschreiben. Und Versuche, bestimmte Prinzipien oder Anforderungen gegen die Schüler- und Elternschaft durchzusetzen, stoßen im Regelfall auf massive Proteste. Konzeptionelle Besonderheiten oder gar Ambitionen lässt man sich nur so lange gefallen, wie der elitäre Schein gewahrt bleibt, der der zahlenden Kundschaft zur narzisstischen Selbstaufwertung verhilft. Wer aber die offiziell verkündeten Werte und Prinzipien tatsächlich einfordert und durchzusetzen versucht, greift in ein Wespennest. Denn für die Oberklasse, die preislich exklusive Sonderschulen am Leben hält, ist das Doppelleben zwischen Schein und Sein traditionell oberstes Lebensprinzip. Da möchte man sich den dekadenten Lebensgenuss durch die Forderungen prinzipienreiterischer Pädagogen nach Disziplin und einem asketischen Lebensstil nicht verderben lassen. Nicht zufällig hat der langjährige Leiter der Schule Schloss Salem, Bernhard Bueb, seine Streitschrift "Lob der Disziplin" erst veröffentlicht, nachdem er aus seiner Leitungsfunktion ausgeschieden war. Und unter seinen häufig wechselden Nachfolgern wurde ganz schnell zurückgerudert, um die noble Klientel nicht zu verprellen.
 
In Wirklichkeit geht es bei Salem und Co. auch gar nicht darum, eine neue Führungsschicht hervorzubringen, die die Herausforderungen der Zukunft besser meistert als die alte. Vielmehr suchen sich die "alten Eliten" diese Schulen bewusst aus, um ihren bestenfalls mittelmäßigen und oft genug minderbegabten oder sonderpädagogisch zu fördernden Nachkommen den gesellschaftlichen Status und die daran geknüpften Privilegien zu erhalten. Deren elitäre Rhetorik war bestens geeignet, den peinlichen Umstand zu vertuschen, dass hier im Grunde der Bedarf nach Sonderschulen für Problemkinder aus "gutem Haus" gedeckt wurde.
 
Mochten die Landerziehungsheime und ähnliche Privatschulgründungen vielleicht auch mit reformpädagogischen bzw. lebensreformerischen Programmen angetreten sein - der "Markt" wies ihnen durch das Nachfrageverhalten der Zahlkundschaft ihre wahre Aufgabe zu. So waren sie auch nie die Speerspitze einer Erneuerung des Bildungswesens im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert, als die sie sich selbst sahen und hätten dies auch nie sein können. Diese Aufgabe erfüllte eine Vielzahl von Reformern, die innerhalb des von der LEH-Bewegung bis heute verächtlich betrachtete staatlichen Schulwesens wirkten, das sich eben erst von der kirchlichen Vormundschaft emanzipiert hatte und dessen Modernisierung zügig vorangetrieben wurde, um Deutschland international wettbe-werbsfähig zu machen. Die anspruchsvollsten Schulen waren damals die hoch selektiven staatlichen Gymnasien. Salem & Co nahmen diejenigen auf, die Nebenwege zu den jetzt allgemein durchgesetzten formalen Anforderungen für akademische Berufe suchten, nicht zuletzt die Sprösslinge des Adels, die bis ins 19. Jahrhundert hinein das Privileg des Hochschulzugangs ohne Abitur besessen hatten, sich nun aber den allgemeinen Zugangsvoraussetzungen für das Hochschulstudium unterwerfen mussten.
 
Prof. Jürgen Oelkers hat erst kürzlich nachgewiesen, dass der Anspruch der Landerziehungsheime, eine Sonderstellung bei der Reform des Bildungswesens einzunehmen, auf systematischer Geschichtsfälschung beruht:
 
"Der anfängliche Markt dieser Schulen waren oft Eltern, die nicht die große Alternative der Erziehung suchten, sondern eine Möglichkeit, ihre Söhne doch noch zum Abitur zu führen. Solche Schulen gab es im Kaiserreich dutzendfach, ohne dass sie sich mit einer besonderen Aura umgeben hätten. Die Landerziehungsheime schafften es, ein eigentlich sehr profanes Nischenprodukt mit einem Geniekult zu umgeben, der alle anderen Schulen schlecht aussehen ließ. Dieser Überlegenheitsgestus war immer arrogant und durch nichts gerechtfertigt. Das reine Bild der großen Alternative musste um jeden Preis gewahrt werden, weil das die Nachfrage sicherte."

Teil dieser Geschichtsfälschung ist es, dass man als angebliches  Vorbild der Landerziehungsheime das 1889 von dem obskuren Lebensreformer Cecil Reddie in Abbotsholme (engl. Grafschaft Staffordshire) gegründete Knabeninternat herausgestellte. Hauptsächliche Vorläuferin der späteren Gründungen von Lietz, Geheeb usw. war aber das 1890 von dem Bremer Volksschullehrer Johannes Trüper gegründete "Heim für entwicklungsgeschädigte und -gestörte Kinder" auf der Sophienhöhe bei Jena, in dem zahlreiche Landerziehungsheimgründer praktische Erfahrungen gesammelt hatten, bevor sie ihre Heime gründeten. Trüper, der sich explizit als "Spiritus Rector" der Landerziehungsheimbewegung verstand, schickte seine jugendlichen Patienten sehr häufig im Anschluss an ihre Behandlung zur weiteren Beschulung in die neu entstandenen Landerziehungsheime, die nur in ihrer Rhetorik "elitär" auftraten und das englische Vorbild bemühten, in ihrer Praxis jedoch von Anfang an eher sozialtherapeutische Aufgaben erfüllten. So stellte der Arzt und Heilpädagoge Prof. Eugen von Düring in seinem 1925 erschienenen Werk „Grundlagen und Grundsätze der Heilpädagogik“ fest: 

„Eine eigenartige Beobachtung kann man in Landerziehungsheimen machen. Bestimmt ist doch nur ein Teil der Zöglinge deshalb in diesen Heimen, weil die Grundsätze der Erziehung den Grundsätzen der Eltern entsprechen. Der größere Teil ist dort, weil die häuslichen Verhältnisse Erziehungsschwierigkeiten in sich bergen, in irgendeinem Sinne, oder weil die Kinder Erziehungsschwierigkeiten machen“ (Ernst v. Düring: Grundlagen und Grundsätze der Heilpädagogik. Erlenbach-Zürich 1925, S. 272).

Von daher war der Anspruch der in der deutschen Journaille penetrant als "Eliteinternate" hochgelobten Landerziehungsheime, mehr zu bieten als eine Sonderbeschulung von Problemkindern aus "gutem Haus", immer weltfremd und kaum einzulösen. Dies gilt bis heute. Die Journalistin Julia Friedrichs schreibt nach einem Besuch der Landerziehungsheime Schloss Neubeuern und Schloss Salem (vergl. Julia Friedrichs: Gestatten: Elite, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2008), man müsse den Ein- druck gewinnen, dass es dort wie auch an privaten "Elite-Universitäten" nicht mehr darum gehe, eine wirkliche Leistungselite zu fördern, die Potenziale habe, sondern eine Art neuen Adel zu begründen: Kinder der Geldaristokratie, die über sozial exklusive private Bildungseinrichtungen gleich auf der "Überholspur" starten sollten, ohne sich dem Wettbewerb mit den Aufsteigern aus dem niederen Volk aussetzen zu müssen. Wo es um Privilegien der Oberschicht gehe, werde der Elitebegriff schnell diffus, werde "Leistung" relativiert. Zitat:

> Der Leiter des Internats Schloss Neubeuern fand es selbstverständlich, dass seine Schüler trotz schlechterer Noten in der Wirtschaft bessere Chancen haben als ein, wie er sagte, "1,0-Abiturient von einem staatlichen Gymnasium". [...] Man kreiert eine Gemeinschaft, einen Corpsgeist, und knüpft Seilschaften, die ein Leben lang halten. Was den Burschenschaftlern ihre 'Alten Herren' sind, sind den Netzwerkern die Alumni: Karrierekatalysatoren, die helfen, dass Einfluss und Posten im Netzwerk, also 'in der Familie' bleiben.<

Damit sind Elite-Internate vom Schlage Salem & Co überflüssig wie ein Kropf. Die dort vertretenen Elite-Vorstellungen sind rückwärtsgewand und widersprechen den Idealen einer demokratischen Leistungsgesellschaft. Mit ihnen verbindet sich das reaktionäre Programm einer Refeudalisierung der Gesellschaft durch Privatisierung der Bildung. Aber auch staatliche Eliteinternate, die oft mit dem Auftrag der Hochbe-gabtenförderung ausgestattet sind, lassen sich weder pädagogisch noch politisch rechtfertigen und scheinen kaum geeignet, die Gesellschaft mit den Funktionseliten auszustatten, die sie tatsächlich braucht.
 
Warum das so ist, hat der Personalberater Dr. Stefan Fourier in seinem Plädoyer für neue Eliten überzeugend dargelegt. Elite könne sich nicht selbst definieren. Wenn jemand von sich sage, dass er zur Elite gehöre, berühre dies eher peinlich. Die Vorstellung von Elite bilde sich im Bewusstsein eines gesell-schaftlichen Systems oder Subsystems heraus, bei der  Mafia ebenso wie in der Kirche. Der Elitebegriff beziehe sich jeweils nur auf das einzelne System oder Subsystem. Hier erfüllten Eliten ganz bestimmte Funktionen. Sie gäben Sinn und setzten Maßstäbe. Selbst an jeder einzelnen Schule gebe es eine Elite unter den Schülern, die nicht selbsternannt, sondern dadurch entstanden sei, dass die Mitschüler ihr folgten. Es hänge vom jeweils gültigen sozialen Konsens ab, ob das die guten Schüler oder die Rowdies seien. Was Eliten zu leisten hätten, werde im Rahmen eines offenen gesellschaftlichen Diskurses bestimmt.  Wenn man gute und starke Eliten wollen, müsse das Kollektiv sie dazu zwingen, gut und stark zu sein. Niemand könne Zeit seines Lebens und mit all seinen Handlungen einem wie auch immer gearteten Eliteanspruch genügen. Von daher lasse sich Elite nicht personifizieren, sondern sei eher ein kollektives Phänomen. Sein Fazit:

"Bei diesem Verständnis von „Elite“ ist völlig klar, dass das Konzept einer gesonderten Ausbildung von Eliten, etwa in Internaten und Eliteuniversitäten, Blödsinn ist. Häufig verkörpern gerade Menschen, die sich von unten hochgearbeitet haben, mehr Elite, als die über den Kamm einer Eliteschule geschorenen Kunstprodukte. Sie sind vom Leben und ihrem Umfeld geprägt. Und nur so kann man Eliten heranbilden, indem man möglichst vielen Menschen, jungen Menschen, die Chance gibt, das Beste aus sich zu machen. Dazu gehören Möglichkeiten und Freiheit genauso wie Anforderung und Erziehung. Und je mehr verant-wortungsbewusste und fähige Menschen wir haben, desto stärkere Eliten werden sich daraus formen."

  

 
 
 
 
 
 
 


 


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