Aufbruch in eine erfolgreiche Zukunft?
Salem & Co. sind auf der Suche nach neuer Zahlkundschaft. Neuerdings wollen sie leistungsorientierten Mittelschichtlern eine „schulische Alternative“ bieten und locken mit Ratenfinanzierungen und Rabatten. Arche Noah oder Titanic?

„Das richtige Internat ist der Aufbruch in eine erfolgreiche Zukunft“ verheißt die Internetpräsenz der Münchner Vermittlungsagentur „Euro-Internatsberatung“. Diese Zukunft, so hat man den Einruck, scheint aber irgendwo in der Vergangenheit zu liegen. „In einer sich rasant ändernden Welt“, lädt da eines der gegen Provision empfohlenen Institute zum eskapistischen Retro-Trip ein, „vermittelt Wyoming Seminary seinen Schülern den Wert des Wahren, Schönen und Guten.“

„Internate“ so verspricht der hauptamtliche Verkaufsförderer der LEH-Internate, Dr. Hartmut Ferenschild, in einem Interview der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ aus dem Jahr 2007, „bieten auf der schulischen Seite weit mehr als die herkömmlichen Schulen“, weil sie bereit seien, „sich auf die besonderen Eigenschaften, Talente und Interessen eines Kindes sehr individuell fordernd und fördernd ein[zu]stellen“. Die Folge: „Immer mehr Eltern“ zögen daher „ein Internat in Betracht, weil sie ihrem begabten, neugierigen, leistungsfreudigen Kind die Chance geben woll[t]en, zu entdecken, was alles in ihm steckt“.

In der „Panorama“-Reportage „Wie Bildung Klassen schafft“ lässt Autorin Anja Reschke den Wiesbadener Internatsmakler Dr. Detlef Kulessa zu Wort kommen. Ein kurzer Ausschnitt:

Reschke: (aus dem Off) Dr. Detlef Kulessa ist so genannter Internatsmakler. Er vermittelt Kinder an Internate und zeigt Eltern, wie sie den Weg ihrer Sprösslinge durchoptimieren können. (Interviewfrage): Und was sind das für Eltern, die zu Ihnen kommen?
Kulessa: Das ist ganz unterschiedlich. Beispielsweise viele Arztfamilien, wo beide in der Praxis arbeiten und sie eben merken, dass sie nicht beides gut machen können, die Erziehung vollständig... und`’ne Praxis laufen zu lassen. Da kann ’n Internat ’ne wunderbare Möglichkeit sein, dem Kind ’ne Entwicklungschance zu geben und sich dann an den Wochenenden, wenn das Kind da ist, wirklich dann auf das Kind zu beziehen.
Reschke: Glauben Sie, dass bei den Eltern inzwischen die Sorge, dass aus einem Kind was wird, zugenommen hat?
Kulessa: Die ist enorm, ja.
Rechke: Das ist aber schon eine Erziehung oder eine Schule, die auf höhere Positionen in der Wirtschaft abzielt, ne?
Kulessa: Ja, auf bestmöglich erreichbare. Ja, auf jeden Fall... [schlägt seine opulent bebilderte Werbebroschüre auf:]  Man kommt halt in vielen dieser Schulen in eine ja fast märchenhafte, märchenhaft anmutende Situation ’rein. Das ist schon zum Teil wirklich ’ne Harry-Potter-Situation, mit alten Schlössern, dem entsprechenden Inventar... Was die Schüler oft gar nicht so wahrnehmen. Das ist mehr was für die Eltern...

„Neue Zielgruppe für Internate“, verkündet ein Beitrag der Illustrierten „stern. „Der schlechte Ruf staatlicher Schulen und halbgare Reformen“ sorgten dafür, „dass immer mehr Kinder aus der Mittelschicht fern der Heimat lernen“. Weiter heißt es:

"Die Eltern wollen ihre Kinder individuell fördern lassen. Im staatlichen Schulwesen ist das ihrer Meinung nach oft nicht möglich", sagt Roman Friemel, der beim Verband Deutscher Privatschulen für Internate zuständig ist.
Zwar wächst die Zahl der Internate nicht sprunghaft wie die der Privatschulen. Doch ändern sich ihr Kundenkreis und Image. Weg von reinen Eliteanstalten und letzten Stationen für Problemschüler, hin zu einer Alternative für die Mittelschicht, die zunehmend bereit ist, in Bildung zu investieren. "Früher wurden Schüler wegen schlechter Noten und auffälligen Verhaltens aufs Internat geschickt", sagt Friemel, "heute verstärkt wegen guter Leistungen."

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ legt unter dem Titel „Haste was, dann wirste was!“ nach:

„Immer mehr Menschen lassen sich Bildung etwas kosten. Das liegt daran, dass vielen Familien heute mehr Geld für ihre Kinder zur Verfügung steht. Aber es liegt auch an einer Stimmung, die sich gerade in der Mittelschicht wie einst auf der "Titanic" breit gemacht hat: Rette sich, wer kann.“

Bieten private Internatsschulen wirklich die bessere Bildung?

Wenn die Internatsvermittlerzunft, eine offensichtliche Wachstumsbranche der letzten Jahre, mit Werbeslogans wie:„Für Ihr Wertvollstes nur das Beste“ zu ihren Verkaufsmessen in Fünfsterne-Hotels lockt, entsteht leicht der Eindruck, dass es tatsächlich die anspruchsvollsten, und nicht etwa nur die einkommensstärksten Eltern sind, die es in preislich exklusive Nobel-Internate des In- und Auslands zieht. Und nicht mehr die Kompensation erzieherischer und schulischer Defizite scheint das Ziel zu sein, sondern „Durchoptimierung“ von Musterkindern, die laut der schmeichelhaften Einschätzung der Luxusinstitute selbst wenn schon nicht wahre Juwelen, so doch zumindest ungeschliffene Rohdiamanten sind. Aus Sorge, dass das Kind die internationale Spitzenkarriere verpasst, lässt man für den versprochenen Mehrwert einer privaten Exklusivbeschulung selbst Spargroschen fließen, die früher für den neuen Mittelklassewagen oder immobiles Betongold zur Altersvorsorge investiert worden wären. Die Staatsschule fordert und fördert (angeblich) nicht. Also lässt man fordern und fördern. Natürlich privat und gegen reichlich Bares. Wo das Elternhaus sich früher selbst engagierte, scheint sich dagegen eine ziemliche Leere auszubreiten.

Doch wer sich nicht allein aus den Hochglanzbroschüren der Nobelinstitute und Internatsmakler oder aus Jubel-Beiträgen der PR-Journaille informiert, beginnt sehr bald am Wahrheitsgehalt der hier gezeichneten schönen neuen Privatschulwelt zu zweifeln. Alles am Ende nur eine offensichtlich gesteuerte Image-Kampagne? Die Karriereversprechen nur ein ungedeckter Scheck auf eine ungewisse und in Wahrheit gar nicht planbare Zukunft? Immerhin warnt die renommierte Neue Zürcher Zeitung unter dem Titel "Anspruch und Realität":

"Das Problem der Eliteschule ist, dass sie von einem Persönlichkeitsprofil ausgeht, das erst noch bewiesen werden muss. Wer nämlich Ausserordentliches leisten wird, kann nicht vorausgesagt werden. Überdurch-schnittliche Leistungen hängen von vielen Faktoren ab, selbst brillante Schulkarrieren sind kein Garant für Elitetauglichkeit. Schulerfolg ist eine Anpassungsleistung in einem abgesonderten sozialen Umfeld. Erfolgreich sind jene Schüler, die auf Forderungen und unausgesprochene Erwartungen der Lehrpersonen eingehen können. Eine Kernkompetenz der Elite hingegen ist, über eine aktuelle Situation hinwegsehen zu können, Bedingungen zu hinterfragen und neue Konstrukte zu wagen. Eliten müssen sich auch in einem unübersichtlichen, chaotischen Umfeld profilieren. Solche Herausforderungen können in einer schulischen Situation nicht nachgestellt und entsprechende Fähigkeiten können vorher nicht erfasst werden."

Aus ähnlichen Gründen stellt der Personalberater Dr. Stefan Fourier lapidar fest:

"Bei diesem Verständnis von „Elite“ ist völlig klar, dass das Konzept einer gesonderten Ausbildung von Eliten, etwa in Internaten und Eliteuniversitäten, Blödsinn ist. Häufig verkörpern gerade Menschen, die sich von unten hochgearbeitet haben, mehr Elite, als die über den Kamm einer Eliteschule geschorenen Kunstprodukte. Sie sind vom Leben und ihrem Umfeld geprägt. Und nur so kann man Eliten heranbilden, indem man möglichst vielen Menschen, jungen Menschen, die Chance gibt, das Beste aus sich zu machen. Dazu gehören Möglich-keiten und Freiheit genauso wie Anforderung und Erziehung. Und je mehr verantwortungsbewusste und fähige Menschen wir haben, desto stärkere Eliten werden sich daraus formen."

Wer oder was steckt hinter der Legende, durch den Besuch von Eliteinternaten könnten die Weichen für eine zukünftige Spitzenkarriere gestellt werden? Und wer profitiert in Wahrheit davon?  

Machen wir zunächst den berühmten „Fakten-Check“. Wie steht es um den behaupteten Mehrwert der Bezahlschule? Bieten die „guten Internate“, von denen immer die Rede ist (womit gleichzeitig suggeriert wird, dass es auch „schlechte“ gebe, die man natürlich namentlich nicht erwähnt, mit denen aber vermutlich die preisgünstigeren gemeint sind), tatsächlich ein messbares "Mehr" an Bildung?

Dass Privatschulen und damit auch private Internatsschulen die Schüler zu höheren Leistungen führen als öffentliche, ist durch seriöse Studien längst widerlegt. Nicht einmal die immer wieder zu Gunsten privater Internatsschulen ins Feld geführten „kleinen Klassen“ oder die „bessere Schulausstattung“ haben nennenswerte Auswirkungen auf die Schülerleistung. Ein Schulranking der Zeitschrift „Capital“ vor einigen Jahren, das überwiegend die Ausstattungsqualität berücksichtigte und den Leistungs-Output auf Schülerseite ausklammerte, erbrachte nicht nur, dass öffentliche Schulen selbst auf diesem Gebiet der nationalen und internationalen Privatschulkonkurrenz ebenbürtig, wenn nicht sogar überlegen waren (siehe stern“-Beitrag „Schwarzwald schlägt Eton“), vermittelte manchem – wie nachfolgender Chatbeitrag illustriert - recht interessante Erkenntnisse über das Niveau teurer Internatsschulen:

Verfasst am: 09.06.2005, 13:16
Titel: Ausstattung ist auch nicht alles.
Heute morgen las ich in unserer Tageszeitung einem Bericht über diesen Vergleich und es wurde eine Schule hier in der Nähe [ es handelt sich um die Odenwaldschule, Anm.d.Verf.] hervorgehoben, die unter den ersten 5 zu finden ist. Es ist eine Privatschule mit Internat und es werden 2000 Euro monatliche Gebühren pro Schüler angegeben. Die Ausstattung ist hier wohl wirklich vom Feinsten.
Aber zum Schluss des Artikels wird angegeben, dass die Schule im diesjährigen Mathewettbewerb der 8. Klassen den letzten Platz im Landkreis belegt hätte. Da nutzt wohl die teuerste Ausstattung nichts.
Liebe Grüße
Tar-Miriel   

Diese Einschätzung ist grundsätzlich richtig (und betrifft damit natürlich alle Schulen). Für das momentan von einigen Hochpreis-Bezahlschulen massiv vorangetriebene eLearning zum Beispiel ist ein leistungssteigernder Effekt tatsächlich in keiner Weise belegt. So heißt es in einer Studie der Universität Paderborn über digitale Medien im Unterricht:

„Insgesamt zeigen die vielen Studien zu generellen Medieneffekten (als Vergleich zwischen medienunterstützten und herkömmlichen – personal vermittelten – Lehr- und Lernprozessen), dass nicht von einer grundsätzlichen Überlegenheit des Lernens mit Medien gesprochen werden kann – allerdings auch nicht von einer grund-sätzlichen Unterlegenheit medienunterstützten Lehrens und Lernens. Mit Blick auf die Uneinheitlichkeit der Ergebnisse spricht Schulmeister (2002) vom „Land der Nullhypothesen” (S. 387)“.

Im Gegenteil haben sich aus dem Bereich der Neuro-Wissenschaften bereits warnende Stimmen gemeldet, die die Gefahr einer „digitalen Demenz“ an die Wand malen. Weit realer noch scheint aber das Menetekel einer totalen Kontrolle der Schüler. Die ist in der Tat beängstigend und gemahnt angesichts der planetenhaften Abgeschlossenheit der Reichenschulen an Aldous Huxleys Dystopie „Brave New World“.

Selbst das in der öffentlichen Diskussion über die Vorteile von Privatschulen schon zum Dogma verfestigte Argument, die Privatinstitute verfügten über das bessere und höher motivierte Lehrpersonal, vermag nicht zu überzeugen. Die Qualität der Lehrkräfte gilt unter Bildungsexperten zwar als einzige Variable, die tatsächlich eine Hebung der Schüler-leistungen bewirken kann. Doch fehlen schlüssige Belege dafür, dass private Institute im Durchschnitt engagiertere Pädagogen beschäftigen. Das Argument, nichtstaatliche Bildungsträger könnten sich ihre Lehrer schließlich selbst aussuchen, besagt in diesem Zusammenhang gar nichts, denn sie bilden weder ihre Lehrkräfte selbst (und damit u.U. besser) aus, noch sind sie von den Gesetzen des Arbeitsmarktes befreit. Privatschulen bezahlen ihre Lehrkräfte deutlich schlechter als Vater Staat, bieten sichere Beamtenstellen nur für in den Ersatzschuldienst beurlaubte Staatsdiener und muten ihren Angestellten zum Teil frühkapitalistische Arbeitsbedingungen zu. Nach den geltenden Marktgesetzen müssten Privatinstitute von daher die unattraktivsten Arbeitgeber sein, die mit denjenigen Vorlieb nehmen müssen, die die staatliche Konkurrenz ihnen auf einem vor allem in den natur-wissenschaftlichen Mangelfächern leer gefegten Lehrerarbeitsmarkt übrig lässt. Die These des ehemaligen Leiters der Schule Schloss Salem, Bernhard Bueb, Privatschullehrer hätten mehr Freude an der Arbeit und seien trotz eines dürftigen Salaires glücklicher, darf man getrost in den Bereich der Fabel verweisen. Sie zeugt von vollständigem Realitätsverlust. Ein FOCUS-Leserkommentator bezeichnet es dagegen als „frommes Märchen“,

„dass die Lehrer an Privatschulen engagierter seien als die an staatlichen Schulen. Ich kenne auch das Gegenteil. Lehrer, die wegen mangelnder Leistung vom Land nicht eingestellt werden, landen an Privatschulen. Und über Jahrzehnte bekannter, geduldeter und vertuschter Missbrauch wie an einigen ‚renommierten’ Privatschulen kann man sich an staatlichen Schulen kaum vorstellen.“

In einem Leserkommentar der ZEIT zu dem Beitrag „Unser Lehrer Dr. Bueb“ beschreibt eine ehemalige Schülerin der Schule Schloss Salem das Unterrichtsklima und die Rolle der Lehrer an dieser „beliebten Vorzeigeschule“ (World’s Luxury Guide). Hier findet sich die Bestätigung, dass das besondere Engagement von Privatschullehrern, sofern es denn überhaupt vorhanden ist, von schlechten Arbeitsbedingungen absorbiert wird und sich keineswegs in besserem Unterricht oder intensiverer Zuwendung niederschlägt:

Leser-Kommentare
14.10.2006 um 05.28 Uhr
9. \ N
Ich fand Salem schrecklich. Es war eine irgendwie hohle Disziplin. Der ganze Tag war strukturiert, aber der eigentliche Unterricht war chaotisch. Es gab wenig Hausaufga-ben. Die Oberstufe gefiel mir besser, weil man näher an einer Stadt gewohnt hat und alles viel wohnlicher war. Aber dort haben viele Schule geschwänzt. Ich bin am Ende nur noch in jede zweite Stunde gegangen. Daran waren die Lehrer aber auch selbst Schuld. Oft wurde in den Stunden Kaffee getrunken oder man wurde in die Bibliothek geschickt. Die Lehrer waren eigentlich schon alle sehr engagiert, aber sie haben in Salem wohl so viel zu tun, dass sie den Unterricht nicht mehr richtig vorbereiten können. Es ging eigentlich die ganze Zeit nur um Party und saufen. Es gab nicht mal Klassenbücher, wie es sie an allen anderen Schulen gibt. Sie haben in der Oberstufe Leistungs- und Sozialrankings eingeführt. Bei den Sozialrankings werden Punkte auf jeden Schüler verteilt. Je nachdem wie viele Ämter derjenige hat. Es gab auch Schönes. z.B. das Spetzgarter Abendbrot. Mich hat geärgert, dass es so ein eingeschränktes Verständnis von "Sozial-Sein" war. Sozial ist wer gerne in einer Großgruppe mitmischt. Allerdings staune ich, wie viele von den anstrengendsten Schülern heute sehr karrierebewusst und fleißig studieren. Es war eigentlich nicht so, dass die Lehrer so streng waren. Weil in der Mittelstufe ein so strikter Tagesplan ist, wird man immer gehetzt und die Schüler treiben sich gegenseitig. Es ist dann auch oft wenig Verständnis da. Das liegt wohl daran, dass sie sich selbst auch an diese Regeln halten müssen.

Auch eine weitere (ehemalige) Vorzeigeanstalt der reformpädagogischen Edelschulszene, die als UNESCO-Modellschule ausgezeichnete und 2010 als Mittelpunkt der organisierten Päderastie entlarvte Odenwaldschule in Ober-Hambach, erweist sich bei näherem Hinsehen auch in rein schulischer Hinsicht als Bluffveranstaltung. Vom Leben in einer Scheinwelt berichtet laut „sueddeutsche.de“ ein ehemaliger Lehrer:

"Die Kinder waren zweitrangig", sagt Salman Ansari. Er kam 1974 als Lehrer an die Privatschule und gehört zu den wenigen, die sich frühzeitig auf die Seite der Opfer stellten und sich dafür von Kollegen als Verräter beschimpfen lassen mussten. Ansari sieht in der Reputation der Odenwaldschule, diesem lange Zeit als reformpädagogische Musteranstalt gefeierten Internat, einen "großen Bluff". In Wirklichkeit hätten sich die Lehrer über guten Unterricht und die Betreuung der Kinder kaum Gedanken gemacht. Wie man vorging, was gelang oder misslang, sei weitgehend dem Zufall und dem einzelnen Pädagogen überlassen worden. Die Odenwaldschule als Mekka einer fortschrittlichen Pädagogik: Das sei bloß ein Märchen gewesen, sagt Ansari. Man habe in einer Scheinwelt gelebt, wie in Andersens Märchen "Des Kaisers neue Kleider". Dort tun alle so, als trage der Kaiser feinste Gewänder. In Wahrheit ist er splitternackt.

Eine Mutter, die sich als Opfer der Privatschulpropaganda fühlt, beschreibt bei „schulradar.de“ ihre Erfahrungen folgendermaßen:

Privatschule - nie wieder!!!!!
von eltern123 (Eltern), 16. Apr 07:30
Mein Mann und ich wollten nur das Beste für unsere Tochter. Also kam nur eine Privatschule (Gymnasium) für uns in Frage. 2 Jahre später war die Enttäuschung so groß, dass wir froh sind, auf eine "staatliche" Schule gewechselt zu haben. Jetzt fallen keine Stunden aus (selten wegen Krankheit). Wir haben einen geregelten Stundenplan. Alles hat "Hand und Fuß".
Auf der Privatschule wurde viel versprochen. Die Ideen waren bestimmt auch rühmlich. Aber am Ende hatten wir ständig Stundenausfälle. Einige Fächer konnten mangels Lehrer nicht gegeben werden. Dafür gab es aber überdurchschnittlich viel Sportunterricht. Aber Geschichte, Chemie, Politik fehlten... sind doch nur Neben-fächer.
Jedes Mal, wenn die Elternschaft hochkochte, kamen neue Versprechungen. Gehalten wurde nichts. Im Gegenteil. Die Beiträge stiegen und stiegen.
Und dies ist kein Einzelfall. Genauso ergeht es momentan Freunden in Sachsen, die auch eine Privatschule besuchen. Das gleiche Theater.
Ich kann nur raten, GENAU hinzuschauen. Der Vorteil waren natürlich kleine Klassen. Die andere Seite war, dass Kinder oftmals "durchgezogen" wurden, um die Elternbeiträge nicht zu verlieren. Auch haben wir die Erfahrung gemacht, dass neu aufgenommene Kinder auf anderen Gymnasien einfach keine Chance hatten, angeblich Mobbingopfer waren, aber in Wirklichkeit wären sie mangels Leistung sowieso von der Schule geflogen.
Jetzt ist alles bestens geregelt. Es gibt klare Konzepte. Keine spinnerten Ideen, die nicht umgesetzt werden können, sich aber toll anhören. Natürlich ist nicht alles eitel Sonnenschein. Aber das gibt´s sowieso nicht. Aber ich habe eine Schule gewählt, die einen hohen Standard aufweist. Da wird manch eine Privatschule niemals rankommen!!!

„Das Beste für’s Kind“. Unter diesem Titel schildert die Journalistin Regina Mönch die Folgen der wachsenden Verunsicherung vieler Eltern durch die schrille Diskussion über die tatsächlichen oder vermeintlichen deutschen Bildungsmiseren, die in der veröffentlichten Meinung zumeist in der Weise stattfinde, dass das Privatschulwesen hoch geschrieben und „die staatliche deutsche Schule schlechter geredet“ werde, als sie sei. Vor allem Mittelschichteltern in Großstädten wie Berlin, die ihren Kindern die Folgen einer über Jahrzehnte verfehlten Einwanderungspolitik nicht zumuten wollten, flüchteten entweder in Stadtteile mit niedrigerem Migrantenanteil oder in Privatinstitute, „obwohl keineswegs alle dieser Schulen bessere Schulleistungen, etwa beim Pisa-Vergleich, vorzuweisen hatten.“ Dem „Mantra, zuerst gelte es in den Schulen der sozialen Gerechtigkeit aufzuhelfen“, setzten „immer mehr Familien stillschweigend Verweigerung entgegen.“ Die Autorin fährt fort:

[...] „Und die Mittelschicht, von Abstiegsängsten heimgesucht, aber auch entnervt angesichts hilfloser Appelle, auf die heilsame Wirkung guter sozialer Mischungen zu vertrauen: Sie kündigt einen Konsens auf, der bald zweihundert Jahre gehalten hat und eine Modernisierung hervorbrachte, von der wir heute noch zehren. Vergessen scheint der kanonische Satz im Allgemeinen Preußischen Landrecht (1794): ‚Schulen und Universitäten sind Veranstaltungen des Staates, welche den Unterricht der Jugend in nützlichen Kenntnissen und Wissenschaften zur Absicht haben.’ Das Privatschulwesen, das in Deutschland eine gute Tradition als Ergänzung und ge-sunde Konkurrenz des staatlichen hatte, profitiert nun von schlechtgelaunten und unglücklichen Lehrern, von fehlenden Putzfrauen, von mysteriösen Fehlstunden an Staatsschulen, die niemand aufklären will [...] und von der Weigerung einer Gesellschaft, offen über die Folgen sozialer und kultureller Veränderungen zu streiten. Damit droht ein Fundament zu zerfallen, ein kulturelles zumal, auf dem die deutsche Schule steht, seit dem achtzehnten Jahrhundert, das man nicht von ungefähr immer noch das „pädagogische Jahrhundert“ nennt. Es brachte, unter anderem, das neuhumanistische Gymnasium hervor: eine Schule, die jeden aufzunehmen hatte, der es leisten konnte, nicht aber nur den, der es sich leisten konnte.“

Der Düsseldorfer Erziehungswissenschaftler Prof. Heiner Barz stellt fest, dass „die Wahl eines Internates durch die gleichen Motive gespeist“ werde, „die generell für den anhaltenden Trend zu Privatschulen ausschlaggebend“ seien. Eltern wählten Privatschulen, weil sie das pädagogische Engagement dort für größer, weil sie den Unterricht für anspruchsvoller, vielseitiger und effektiver“ hielten, und „weil musikalische oder sportliche Talente dort intensiver gepflegt“ würden. Sie erhofften sich „eine stärker an den individuellen Stärken und Schwächen ihres Kindes orientierte Förderung“ und erwarteten „eine besondere pädagogische Atmosphäre mit klaren Ordnungsstrukturen - jedoch ohne pedantische "Pauker", mit funktionierender Disziplin - jedoch ohne autoritäre Bevormundung, mit lebendigem Treiben - jedoch ohne Gerangel und Geschubse.“ Nicht zuletzt werde „eine homogenere Klassengemeinschaft erwartet - ohne Problemkinder unter den Mitschülern.“ Doch angesichts einer doch eher ernüchternden Realität sieht er sich genötigt,

„ein Fragezeichen am Klischee der heilen pädagogischen Welt anzubringen. Internate“ seien „ z.B. keineswegs von Drogen- oder Alkoholproblemen verschont“ und es sei „ein offenes Geheimnis, dass der selbstlose pädagogische Idealist, der neben seinem Unterricht auch noch die Rund-um-die-Uhr-Betreuung einer "Familie" von bis zu zehn pubertierenden Jungen oder Mädchen mit leichter Hand meistert, heute immer seltener“ werde.

Zuletzt erweist sich auch noch das letzte Pfund, mit dem die Nobelinternate gerne wuchern (siehe die Imagefilme über Schloss Neubeuern und Schloss Stein), nämlich die touristische Qualität der Schulstandorte und die Gediegenheit von Ambiente und Ausstattung, unter dem Gesichtspunkt des optimalen Bildungserfolgs als eher kontraproduktiv. Der amerikanische Journalist Daniel Coyle beschreibt in seinem Buch „Die Talentlüge" (Lübbe-Verlag 2009), dass die besten musischen, sportlichen und schulischen Talentschmieden rund um den ganzen Globus vor allem eines gemeinsam hätten: Alle seien „hochgradig unscheinbare bis unattraktive Orte" und es scheine ein direkter Zusammenhang zu bestehen zwischen dem Verfallsgrad der jeweiligen Schule und der hohen Zahl von Talenten, die sie hervorbringe. Der Psychologe John Bargh von der Universität Yale erklärt dieses Phänomen folgendermaßen: „Wenn wir in einer netten, angenehmen Umgebung sind, dann fahren wir unseren Einsatz automatisch herunter."

Prof. Ernst Hany von der Universität Erfurt zieht ein ähnliches Fazit und belegt dies anhand einer Längsschnittstudie zu den Wirkungen eines „durchoptimierten“ Lernmilieus in der Hunter College Elementary School, einer berühmten New Yorker Privatschule mit hohen Schulgebühren und einer nach Intelligenz und sozialer Herkunft handverlesenen Schülerschaft. Das ideale Lernumfeld und eine „Pädagogik vom Feinsten", etwa hoch motivierte Lehrer, eine üppige Schulausstattung und neueste Unterrichtsmethoden, hätten nicht dazu geführt, dass die Absolventen später wirklich herausragende Leistungen erbracht oder eine führende Rolle in Wissenschaft oder Gesellschaft eingenommen hätten. Auch hier die Erklärung:

„Die Schüler, argwöhnten die Forscher, seien vielleicht zu sehr verwöhnt worden, hätten mehr nach Wohlstand und Freunden gesucht als nach Ruhm und Ehre.“

In diesem Kontext betrachtet sind perfektionierte Nobelinternate mit dem „gewissen Extra“ und elitärem „Verwöhnaroma“ genau das falsche Umfeld, um einen zukunftstüchtigen Führungsnachwuchs mit der notwendigen „Resilienz“ auszustatten. Ex-Salem Leiter Bernhard Bueb irrt daher, wenn er wie in den nachfolgenden Überlegungen „Elitedenken als Erziehungsmittel“ propagiert:

„Schüler und Studenten werden im Bewußtsein ihrer Besonderheit erzogen. Dadurch kann man von ihnen mehr fordern. Sie identifizieren sich mit den leitenden Ideen einer Schule oder Hochschule und versuchen, das Beste aus ihren Talenten zu machen, um diese Ziele zu erreichen. Erzieher und Lehrer setzen dieses Selbst-wertgefühl - wir sind zu höheren Aufgaben bestimmt - als Mittel der Erziehung ein. [...] Wir wollen, daß sich jeder mit Salem identifizieren kann, und daß ihn dieses Gefühl, einer großen Einrichtung anzugehören, beflügelt. Das kann als Korsett dienen, um nicht immer wieder den eigenen Schwächen zu erliegen. Der Stolz dazuzugehören, kann ein Schutz und eine Stärkung sein. Er kann auch zu Arroganz führen. Dieses Übel müssen wir hinnehmen. Es ist das Hochgefühl der Schwachen.“

Man könnte die Liste der Negativbeispiele, Einwände und Untersuchungsergebnisse noch endlos fortführen und muss am Ende einem anderen ehemaligen Internatsleiter vom Bodensee, dem heutigen „unabhängigen Internatsberater“ Peter Giersiepen, Recht geben, der warnt: „Fast immer versprechen Internate mehr als sie halten können!“

Wenn dem so ist, verwundert es um so mehr, dass sich vernünftige Menschen unter dem Einfluss irgendwelcher irrationalen Mechanismen und inneren Zwänge wie ein Zug von Lemmingen auf die Titanic dirigieren lassen, die sie offensichtlich mit der Arche Noah verwechseln. Wann platzt diese Blase? Wann kommt das böse Erwachen?

Einordnungen gesellschaftlicher Einzelphänomene in größere Zusammenhänge werden zwar gern als „Verschwö-rungstheorien“ belächelt und damit in den Geruch der Unseriosität gebracht. Aber unzweifelhaft stehen hinter dem künstlich erzeugten Run auf Privatschulen und Internate, der ersteren tatsächlich einen Boom beschert hat und letzteren zumindest (einmal wieder) das Überleben sichert, bestimmte gesellschaftliche Interessen und konkrete Profiteure.

Refeudalisierung durch Elitisierung und Privatisierung  

Serengeti... pardon, Salem darf nicht sterben. Warum eigentlich nicht? Seit Julia Friedrichs’ Reportage „Gestatten Elite“ weiß man, dass Salem und Co. nicht nur ein Symbol, sondern ein Instrument der Refeudalisierung dieser marktkonformen, postdemografischen Gesellschaft und der Etablierung einer neuen „Aristokratie der Bankauszüge“ sind. Sie fungieren als wichtiger Knotenpunkt in den Beziehungsnetzwerken einer Parallelgesellschaft, in der die Oberschicht sich gegen das wachsende Prekariat abschottet, dessen kreativer Teil längst gemerkt hat, dass es sich für die weniger Privilegierten kaum noch lohnt, fleißig und gebildet zu sein, und dabei die abstiegsbedrohte oder zutreffender abstiegshysterische Mittelschicht als Bundesgenossen mit ins Rettungsboot holt. Schulbildung wird „elitisiert“. Nicht durch hohe Leistungsanforderungen gegenüber den Luxusschülern, sondern über den Preis. Auch das ist schließlich Leistungsgesellschaft. Der Leistungsfähige kann (sich) das leisten und leistet es sich, weil er’s sich eben leisten kann. Oder er tut einfach so (siehe die Mittelschicht als neue Zielgruppe), indem er einen Kredit aufnimmt oder mehrere Generationen zusammenlegen, damit Sohn, Tochter, Nichte, Neffe, Enkel und Enkelin noch einen Platz im Rettungsboot oder wenigstens Schwimmflügel mit Elite-Marken-Logo erhalten. „Rette sich, wer kann“ (siehe Beitrag des „SPIEGEL“). Der Kürze halber einige wenige Auszüge aus einer Schrift: von Ingolf Erler, Pia Lichtblau und Elke Renner: „Bildung unterm Hammer. Privatisierung und Umverteilung“ (schulheft 133/2009.  © 2009 by StudienVerlag Innsbruck-Wien-Bozen):

Ingolf Erler: Einblick in die private „Bildungsindustrie“

„Nach dem Motto „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ wollen Eltern ihren Kindern durch den Besuch privater Bildungseinrichtungen Aufstiegsmöglichkeiten erschließen oder sie vor dem sozialen Abstieg bewahren. Das private Angebot wird höher bewertet als das öffentliche Schulwesen und soll zum entscheidenden Vorsprung im Wettbewerb zwischen den sozialen Positionen der Gesellschaft verhelfen. Elite-Kindergärten und rigide Lerntherapien setzen bei den Kleinsten an, Schulen als Aktiengesellschaften peitschen die SchülerInnen durch ihre Programme und ihre Renditen in die Höhe. Dieser Wettbewerbsdruck erzeugt nicht nur individuelle psychische, sondern auch gesamtgesellschaftliche Schäden.“

Liesner/Lohmann: Zur neoliberalen Transformation der Bildungseinrichtungen

„Zunächst ein Wort zur Rahmung, in die bildungspolitisches Handeln heute weltweit eingestellt ist. 1996 veröffentlichte die OECD ein Strategiepapier, das in dankens-werter Klarheit die Taktik benennt, mit welcher der Bevölkerung der reichen Nationen der Raubbau an ihrem öffentlichen Eigentum schmackhaft gemacht wird. Daraus dieses bemerkenswerte Zitat:

< Um das Haushaltsdefizit zu reduzieren, sind sehr substanzielle Einschnitte im Bereich der öffentlichen Investitionen oder die Kürzung der Mittel für laufende Kosten ohne jedes politische Risiko. Wenn Mittel für laufende Kosten gekürzt werden, dann sollte die Quantität der Dienstleistung nicht reduziert werden, auch wenn die Qualität darunter leidet. Beispielsweise lassen sich Haushaltsmittel für Schulen und Universitäten kürzen, aber es wäre gefährlich, die Zahl der Studierenden zu beschränken. Familien reagieren gewaltsam, wenn ihren Kindern der Zugang verweigert wird, aber nicht auf eine allmähliche Absenkung der Qualität der dargebotenen Bildung, und so kann die Schule immer mehr dazu übergehen, für bestimmte Zwecke von den Familien Eigenbeiträge zu verlangen oder bestimmte Tätigkeiten ganz einzustellen.

Dabei sollte nur nach und nach so vorgegangen werden, z.B. in einer Schule, aber nicht in der benachbarten Einrichtung, um jede allgemeine Unzufriedenheit der Bevölkerung zu vermeiden“ (Morrisson 1996, 28).>
Wir erkennen hier den Umriss des bildungspolitischen Regimes, bei dem das Mantra von den ‚leeren öffentlichen Kassen’ niemals fehlt, denn die vorgebliche Unaus-weichlichkeit der Privatisierung öffentlichen Eigentums muss plausibel gemacht werden. Dies trägt längst Früchte, wie die Durchsetzung von Studiengebühren mit den Stationen „Niemals – vielleicht – für Langzeitstudenten – für alle“ (Knobloch 2006) zeigt.

[...]  „Ökonomisierung der Bildung“ bedeutet „eine historisch neue Dimension des Umgangs mit der Zeit der Menschen, einen Zugriff auf die Tageszeit, die Jahreszeit, die Lebenszeit von der frühen Kindheit bis ins Alter. [...] Verdichtung, Verfrühung und Verlängerung des Lernens sind Ausdruck dieser Strategie“ (Zymek 2006). Ziel ist die Steigerung der Mehrwertabschöpfung unter den heutigen kapitalistischen Bedin-gungen.

Negativszenario – Ergebnisse der Privatisierung auf mittlere Sicht
 
Die dominante strategische Rahmung bildungspolitischen Handelns, die u.a. die OECD vorgibt, zielt auf Privatisierung der Bildungssysteme – mit zumindest diesen Merkmalen und Effekten:
  1. Aufgrund des fundamentalen Verwobenseins von Wissenserwerb mit den Lebens- und Berufs-chancen der Individuen ist ein Großteil der Gesellschaftsmitglieder bereit, dafür tief in die Tasche zu greifen, sich notfalls auch zu verschulden.
  2. Als erwünschter Nebeneffekt stellt sich eine wirkungsvolle Entpolitisierung und Selbstkontrolle des lernenden und arbeitenden Volkes ein.
  3. Die Enteignung der Bevölkerung von den durch sie finanzierten öffentlichen Bildungsein-richtungen vollzieht sich umso effektiver, je unauffälliger und allmählicher sie vollzogen wird.
  4. Es werden neue, für kommerzielle Bildungsdienstleister, vor allem jedoch für institutionelle Finanz-anleger interessante Märkte geschaffen, neue Räume für Kapitalverwertung erschlossen.

So erleben wir seit etwa drei Jahrzehnten eine marktorientierte Monetarisierungsoffensive, die den Bildungs-bereich, wie viele öffentliche Sektoren, rund um den Globus um des Geldmachens willen in betriebs-wirtschaftliche Strukturen zwingt. Gleichzeitig auf der Agenda steht die ‚Verschlankung’ des Staates durch Steuergeschenke an ‚die Wirtschaft’, mit der notorischen Folge ‚leerer öffentlicher Kassen’: So dass auch die öffentlichen Bildungseinrichtungen – davon sind nun schon fast alle überzeugt – nur durch Wettbewerb gegeneinander, durch Sponsoring, Werbeeinnahmen und mit Hilfe von Stiftungen, mit einem Wort: durch Privatisierung wieder auf die Beine kommen können.“

Besser kann man die Zusammenhänge, um die es geht, kaum erklären. Analysiert man einmal gründlich, welche Rolle Internaten wie Salem & Co. in diesem Spiel um ein marktkonformes Erziehungs- und Bildungswesen zukommt, so wird das ganze Mehrwert-, Chancen- und Alternativen-Gerede schnell als ideologischer Bluff entlarvt, mit dem sich die selbsternannten Elite-Institute wichtig machen und immer weitere Gesellschaftskreise in die Sackgasse der Privatisierung locken wollen, wo aber diese „neuen Zielgruppen“ schnell erfahren werden, dass die Plätze am „Tisch der Reichen“ noch knapper sind als anderswo und die nicht ganz standesgemäßen Neuankömmlinge ohnehin nur am unteren Ende der Tafel sitzen.

Das beliebige Wortgeklingel um Charakterbildung, Werteerziehung, Verantwortung usw., mit dem „Eliteinternate“ sich notorisch die Aura des Besonderen zu verleihen und von der Peinlichkeit fehlender Exzellenz ihrer Schüler(innen) abzulenken versuchen (daher die Einengung des Begriffs „Elite“ auf den der „Verantwortungselite“!), soll verschleiern, dass Salem & Co. für unsere Gesellschaft insgesamt in höchstem Maße entbehrlich, ja gefährlich sind.

Dies gilt natürlich nicht aus Sicht ihrer traditionellen Kundschaft. Nach wie vor ermöglichen es die Salem, Neubeuern, die Odenwaldschule und andere teure Bezahlschulen einer bestimmten Einkommensschicht, unter sich zu bleiben, Netzwerke zu bilden, schulischen und erzieherischen Problemfällen den Klassenerhalt zu garantieren und so die Erneuerung der Gesellschaft durch den Austausch verbrauchter Nieten-Eliten zu behindern. Der Anspruch dieser Sonderschulen für Reiche, die bessere „Alternative“ zum „schlechten“ öffentlichen Bildungsangebot auch für niedrigere Einkommensschichten zu sein, ist reine Kriegspropaganda (ja fast schon eine Kriegslist) im Klassenkampf von oben.   

Die Entstehungsgeschichte dieser Propaganda lässt sich sehr gut an den Statements des oben bereits zitierten LEH-Repräsentanten Hartmut Ferenschild verfolgen, der innerhalb zweier Jahrzehnten von der realistischen Ein- schätzung elterlicher Nachfragemotive zu einer systematischen Desinformation der Öffentlichkeit gelangt. „Hinweise auf die öffentliche Schulmisere“ bezeichnete Ferenschild um die Jahrtausendwende noch nüchtern als „Tarnmotive“, hinter denen sich die „Erosion der Erziehungsinstitution Familie“ verberge (vgl. „Welt am Sonntag“ vom 27./28. 05.2000, S. B 19). Doch schon wenige Jahre später behauptete er einen „Imagewandel des Internats“ und erklärte die Flucht vor dem Qualitätsverlust des staatlichen Bildungswesens - unter Fehlinterpretation der PISA-Vergleichsstudie - zum haupt-sächlichen Nachfragemotiv der Zahlkundschaft. „Eltern bringen ihre Sprösslinge in Sicherheit!“ heißt es alarmistisch auch aus Kreisen der Internatsmakler-Zunft. Der „bessere Schüler“ soll sich angeblich in preislich exklusive Internate oder zumindest Tagesschulen freier Träger flüchten. Neuerdings stellt sich die Branche auch auf Eltern ein, die den vollen Preis für den Privatschul-Luxus nicht stemmen können. „So schultern Sie den Privatschulbesuch Ihres Nachwuchses“, titelt das „Handelsblatt“ in der Ausgabe vom 17.05.2012 und geizt nicht mit  Steuer- und Finanzierungs-Tipps.

Die Frage öffentliche oder private Schule ist zum alle Sozialschichten übergreifenden Glaubenskrieg geworden. Welche Zuspitzung die Auseinandersetzung zwischen Befürwortern und Gegnern mittlerweile erfahren hat, ist an drei Leserkommentaren zu dem genannten Handelsblatt-Beitrag ablesbar:

„Wer sich diese Schulen nicht leisten kann verurteilt seine Kinder zur maximalen Durchbereicherung in Deutschlands Moslemschulen.
Dies sollte bei der Kalkulation dringend berücksichtigt werden. Im staatlichen Schulgulag fallen daher regelmäßige Zusatzausgaben an wie neue Kleidungsstücke (wöchentlich), Handys (variabel, alte Geräte müssen seltener ersetzt werden als neue Smartphones), Praxisgebühr / Zuzahlungen zu Medikamenten, Behandlungen, Operationen, Reha sowie "individuelle direkte Eingliederungshilfen" in bar, auch als Dschizya bekannt.
Unterm Strich kann allein durch Wegfall dieser Ausgaben eine Privatschule günstiger sein. Bitter wohin das Land der Dichter und Denker gekommen ist.“

„Ihr seid so krank, mit eurem Wahn, von der Elitisierung eurer Funktionskinder und von der Islamisierung Deutschlands! Wann hatten wir nochmal den letzten islamistischen Terroranschlag in Deutschland? Mir fällt es nicht ein!“

„Ich würde heute auch kein Kind mehr in diese verkommenen staatlichen Schulen schicken. Gott sei dank ist mein Sohn raus aus der Schule.“

Die Luxusinternate versuchen mittlerweile gezielt, unter dem Slogan „Elite war gestern – es lebe die neue Kundschaft aus der Mittelschicht!“ die Kaufkraft der Schlechterverdiener anzuzapfen. Man ermutigt zu orientalischen Preisverhandlungen und sucht den Anteil der „Stipendiaten“ zu erhöhen, notfalls mit Hilfe von Spenden aus der Wirtschaft. Diese Marketing-Strategie lohnt sich übrigens selbst dann, wenn es nicht gelingt, das Interesse neuer Einkommensschichten (z.B. guter Schüler aus der Mittelschicht) in nennenswertem Umfang zu wecken, sondern lediglich die Nachfrage der traditionellen Problemkundschaft zu stabilisieren, die in den 1990er Jahre stark eingebrochen war, nachdem das Negativ-Image privater Internatsschulen zunehmend selbst die Eltern schwieriger Kinder abschreckte und die politisch motivierte Nivellierung der Anforderungen des staatlichen Gymnasiums die Lernhilfe durch Internate für Viele entbehrlich machte.

In diesem Zusammenhang ist es übrigens interessant zu beobachten, dass neue Nachfragewellen in den Internaten, die gern der angeblichen Flucht leistungsorientierter Musterkinder aus der Mittelschicht zugeschrieben werden, in aller Regel zeitlich mit Verschärfungen der Anforderungen oder Zugangsregelungen zum Gymnasium zusammenfallen, zum Beispiel der Einführung von G 8 oder dem Vorschlag des Berliner Schulsenators Jürgen Zöllner, den Zugang zum Gymnasium per Numerus Clausus einzuschränken. Die Sprachregelung, die Eltern seien gegenüber dem staatlichen Schulsystem „kritischer“ geworden, ist also oft nur Teil einer Kampagne, die alten Wein in neuen Schläuchen verkaufen will. Allem Werbegeschrei zum Trotz haben sich die Nachfragemotive der Internatsklientel nicht wesentlich verändert. Das weiß auch Prof. Heiner Barz von der Universität Düsseldorf:

 „Internate werben mit engagierter Pädagogik, exklusiven Sportarten, begeisterten Schülern und hohen Erfolgsquoten. Internate kennen keine Langeweile, kein ‚Herumhängen’; sie bieten Wärme und Geborgenheit neben vielfältigsten Freizeitaktivitäten. Ihr straffer Tagesablauf lässt die Kids erst gar nicht auf ‚dumme Gedanken’ kommen. Wo die Lernumgebung stimmt, kann auch die Schulleistung erblühen. - Ist diese Selbstdarstellung, die sich in den Hochglanzbroschüren und Homepages findet, für bare Münze zu nehmen?
Es ist kein Geheimnis, dass mangelhafte Schulleistungen noch immer zu den wichtigsten Gründen bei der Entscheidung für ein Internat zählen: Schlechte Zeugnisse geben oft den Anlass, um über den Wechsel auf ein Internat nachzudenken.“

Schlagen wir noch kurz den Bogen zur aktuellsten Entwicklung in der Schule Schloss Salem, dem Flagschiff der Edelschulbranche und größten Internat Deutschlands. Am 16.09.2012 veröffentlichte die Stuttgarter Zeitung einen Beitrag zum Amtsantritt des neuen Gesamtleiters Bernd Westermeier. Dort wird von einer nun beendeten, jahrelang schwelenden Leitungskrise im „berühmtesten Internat Deutschlands“ berichtet, die so gar nicht in das Bild vom Imagewandel des Internats zu passen scheint. Und auch das Lastenheft des Neuen verströmt wenig elitären Glanz. Nach dem üblichen Geschwafel vom „umfassend gebildeten Menschen im Humboldtschen Sinne“ und den Idealen des Salem-Gründers Kurt Hahn, für den neben der Wissensvermittlung die Erziehung zur Verantwortungsethik und die Charakterbildung maßgeblich gewesen seien, werden folgende Maßnahmen angekündigt:

  • der Anteil der Stipendiaten soll mit Hilfe von Spenden aus der Wirtschaft erhöht,
  • die Gesamtzahl der Schüler dagegen „sinnvoll verkleinert“
  • und die Oberstufe wieder am alten Standort Spetzgart konzentriert werden,
  • während der erst im Jahr 2000 als „größtes privat finanziertes Schulprojekt Deutschlands“ und Internationales Colleg eröffnete Campus Härlen in eine „voruniversitäre Akademie“ [Anmerkung: Wer - außer ein paar noch nicht hochschulreifen Problemschülern - bracht so etwas?] umgewandelt werden soll, deren Konzept aber noch ungeklärt und vom Trägerverein noch nicht abgesegnet ist.

Das Hamburger Abendblatt berichtet, mit Amtsantritt des neuen Gesamtleiters verfolge Salem nun das Motto „Qualität vor Quantität“. Reiche Problemkinder würden nicht mehr aufgenommen. 130 Bewerber seien für dieses Schuljahr abgelehnt worden, obwohl noch etwa 30 Plätze besetzt werden könnten. [Anmerkung: Aha, auf 30 freie Plätze kommen in Salem 130 ungeeignete Bewerber, sehr interessant!] Westermeier: "Wir stehen nicht zur Verfügung als Hafen für solche, die problembeladen, aber mit Geld daherkommen." Wie oft hat man das in den letzten zwanzig Jahren in allen möglichen Variationen gelesen! Und man darf weiterhin skeptisch sein. Denn wenn Salem das Problem der Auswahl geeigneter Schüler nicht einmal in den Zeiten der langen Wartelisten in den Griff bekommen hat, dürfte es in Zeiten leer stehender Betten erst recht nicht gelingen, der Qualität vor der Quantität den Vorzug zu geben.

Das alles klingt nicht nach Ansturm propperer Mittelschicht, sondern eher nach Krisenbewältigung und Überlebens-strategie. Zum 90-jährigen Bestehen der Schule im Jahr 2010 hatte deren Vorstand Robert Leicht bereits konstatiert:

„Die Geschichte dieser »Eliteschule« – was heißt hier übrigens im Ernst Elite? – könnte ansonsten nicht nur als Erfolgs-, sondern auch als Krisen-, in wesentlichen Phasen sogar als reine Überlebensgeschichte geschrieben werden: Anfang der siebziger Jahre eine drohende Insolvenz, Mitte der achtziger Jahre ein erbitterter Streit mit dem Markgrafen Max von Baden, der eine »reaktionäre« Gegengründung erwog. Wechsel in der Schulleitung waren fast immer Krisenzeiten – und selbst die über dreißigjährige Regentschaft von Bernhard Bueb, von 1974 bis 2005, hatte nicht so heroisch angefangen, wie sie dann endete... Von den Schwankungen des Zeitgeistes und der pädagogischen Moden gar nicht erst zu reden...“

Und so räumt denn auch der bereits mehrfach zitierte Hartmut Ferenschild, inzwischen bei der zerbröselnden Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime abgemustert und wieder allein für die Vermarktung Salems zuständig, angesichts einer durch die Missbrauchsskandale des Jubiläumsjahres ausgelösten Dauerkrise der Vereinigung in dem- selben Blatt (DIE ZEIT, 2.2.2012 Nr. 06) ein, dass man jetzt „kleinere Brötchen“ backe. Kein Internat könne mehr sagen: Schau mal her, wie toll wir sind. »Wir müssen uns unseren Ruf erst wieder erarbeiten«.

Hochmut kommt vor den Fall“, kommentiert ein Leser und fährt fort:

„Landschulheime kommen in der Gegenwart an. Sie entdecken, dass die "pädagogische Mystifikation" zu enden hat und auch die Reformpädagogik sich der Frage nach den schulischen Leistungen stellen muss. Gott sei Dank. "Was haben Internate überhaupt zu bieten?", wird gefragt. Sie sind ein Nischenangebot für Kinder, die aus sehr unterschiedlichen, oft unverschuldeten Gründen nicht bei ihren Eltern leben oder eine Regelschule besuchen können: Scheidung, Krankheit oder berufliche Verpflichtungen der Eltern, schwieriges soziales Umfeld, mangelnde schulische Leistungen, mangelnde soziale Kompetenz, aber durchaus auch Spezialbegabungen, die zu Hause nicht gefördert werden können.“

Nil addendum. Oder vielleicht dieses Plädoyer der ehemaligen Bildungsministerin des Landes Nordrhein-Westfalen, Gabriele Behler, gegen eine Kapitulation der staatlichen Schulpolitik gegenüber dem Trend zur Privatisierung der Bildung:

„Die Formel »Privat vor Staat« kündigt einen gesellschaftlichen Konsens auf. Das Marktmodell forciert eine Desintegration, die die Verlierer in die Obhut staatlicher Systeme gibt und damit isoliert. Sie forciert auf der anderen Seite habituelle Gemein-samkeiten gesellschaftlicher Eliten, bei denen der Zugang entscheidend von der Herkunft abhängt. So werden Ghettos zementiert statt geöffnet, und zwar auf beiden Seiten der gesellschaftlichen Skala. Darüber können auch die noch so gut gemeinten Beschwörungen von Barmherzigkeit durch Stipendien oder scheinprogressive Pädagogikformeln nicht hinwegtäuschen. Dass sich die Folgen vor allem in sozialer Entmischung bemerkbar machen, ist durch Studien längst belegt.

Nun hat Pisa gezeigt, dass eklatante Mechanismen der sozialen Ausgrenzung auch im öffentlichen System wirksam werden. Wer hier aber als Heilmittel die St.George’s-Schulen, die Einrichtungen der Phorms AG oder die sogenannten Internationalen Schulen des Sabis-Konzerns anpreist, macht diese Ausgrenzung zum Programm, statt sie im staatlichen System abzubauen. Im Gegenteil: Hier wäre überhaupt erst mal staatliche Steuerung und Kontrolle nötig.

Wichtigste politische Aufgabe ist es, dem öffentlich verantworteten Bildungssystem seine Reputation zu erhalten beziehungsweise zurückzugeben, mit einer guten Finanzausstattung, mit klarer Orientierung an Leistungen, an sozialem Ausgleich, an demokratischer Kultur und vielen unterschiedlichen Angeboten in großer Freiheit. Dies weiterzuentwickeln ist die wichtigste Herausforderung für alle politisch Verant-wortlichen, die aufhören sollten, durch parteipolitische Instrumentalisierung das öffentliche System zu beschädigen. Also: Macht die öffentlichen Schulen attraktiv!“

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