Hochbegabtenförderung im Eliteinternat?

Interview mit Ulrich Lange, Internatsberatung der AVIB gemn.e.V. in Ulrichstein/Hessen

Etwa 3 Prozent der Bevölkerung gelten als hochbegabt bzw. bei 5 Prozent der Schulkinder nimmt man an, dass sie bei entsprechender Förderung Spitzenleistungen erbringen könnten. Deutschland braucht Eliten. Daher sollten Kinder mit hohem Potenzial entsprechend gefördert werden. Aber brauchen wir dazu Elite-Internate? Der Internatsexperte Ulrich Lange nimmt ausführlich Stellung.

Moderation: Yvonne Klein und Olaf Kessler

KK: Herr Lange, Sie schreiben teilweise in einem sehr mokanten Stil über Elite-Erziehung in Luxusinternaten. Andererseits loben Sie die Hochbegabtenförderung in staatlichen Eliteinternaten. Unsere Frage: Sind Elite-Internate überhaupt notwendig?
UL: Man muss zunächst sehr sorgfältig differenzieren. Gerade wenn von sogenannten Eliteinternaten die Rede ist, geht es oft ja gar nicht um die Förderung von Hochbegabten oder besonders Talentierten. Die Journalistin Julia Friedrichs hat mit ihrem Buch „Gestatten:Elite“ in dieser Hinsicht vor kurzem erst wertvolle Aufklärungsarbeit geleistet. Über Jahre hat die veröffentlichte Meinung mit dem Elitebegriff Schindluder getrieben. Sozial exklusiv – oder plump ausgedrückt: teuer – wurde mit „elitär“ gleichgesetzt, der Elitebegriff dadurch von dem der Leistung elegant abgekoppelt. Eine ähnliche Entwicklung beschreibt der Wiener Soziologe Sighard Neckel, indem er auf die Entwertung von Arbeit und Leistung als Quelle von gesellschaftlicher Anerkennung hinweist. Während von normalen Arbeitnehmern bis hin zu den Empfängern von Sozialhilfe immer höhere Leistungen gefordert und solche rigiden Leistungsanforderungen geradezu als Mittel zur Disziplinierung der unteren Sozialschichten benutzt würden, hätte ein Teil der Oberschicht in den letzten Jahren enorme Reichtumsgewinne verzeichnet, die nicht auf eigener Leistung beruhten, sondern auf der historisch einmaligen Situation einer Erbschaftswelle nach einer langen Friedensepoche bzw. auf der Möglichkeit, durch Spekulation und Selbstbereicherung in Führungspositionen zu astronomischen Einkünften zu gelangen, die in keinem Verhältnis mehr zu irgendeiner Form persönlicher Leistung stünden. Neckel spricht hier von „Gelegenheitsökonomie“ als einer Form des Glücksrittertums. Hierdurch sei es zu einer Refeudalisierung der Gesellschaft gekommen, zur Etablierung einer neuen Aristokratie des Geldes, die für sich in Anspruch nehme, Elite zu sein, auch wenn sie nichts geleistet habe.
KK: Aber was hat das mit der Diskussion um Hochbegabtenförderung in Eliteinternaten zu tun?
UL: Das werden Sie sofort sehen: Weil ehrliche Arbeit vielfach nicht mehr reich, ja nicht einmal mehr wohlhabend und schon gar nicht berühmt macht, hat Reichtum als Quelle des gesellschaftlichen Erfolgs laut Prof. Neckel Idolcharakter erhalten. Das bedeutet: Reichtum gilt an sich schon als Inbegriff des gesellschaftlichen Erfolgs und verschafft einen hohen sozialen Status. Hinzu kommt ein allgemeines Gefühl, dass Erfolg und gesellschaftliche Anerkennung nicht von der Leistung, sondern vom Zufall – eben dem der glücklichen Geburt als Erbe, als Prominentenkind usw. oder aber von der goldenen Nase beim Spekulieren – abhängen. Dies könnte man kritisch hinterfragen, was aber durch die „Idolisierung“ von Reichtum und Prominenz verhindert wird. Wer kritisiert, setzt sich dem Vorwurf des Sozialneides aus. Es gilt ein Konsens wie unter Lottospielern. Schließlich kann jeder per Zufall vielfacher Millionär werden. Man spielt mit und identifiziert sich mit den Gewinnern, anstatt an den Spielbedingungen herumzunörgeln. Dem entspricht der Erfolg der vielen Casting-Shows. Unzählige Bewerber versuchen auf diesem Weg, in kürzester Zeit reich und berühmt zu werden. Würde Erfolg mit Leistung gleichgesetzt, dürften sich die meisten erst gar nicht bewerben.
KK: Aber wie kommen wir jetzt wieder zum Thema, d.h. zu unserer Ausgangsfrage, ob Eliteinternate gesellschaftlich notwendig sind?
UL: Der Zusammenhang ist folgender: Mit der Refeudalisierung der Gesellschaft und der Idolisierung des Reichtums werden plötzlich auch teure Luxusinternate, die übrigens verfassungswidrig sind, da eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der El-tern laut Art. 7 (4) des Grundgesetzes nicht gefördert werden darf, gesellschaftlich akzeptiert. Allein aufgrund ihrer sozialen Exklusivität, d.h. aufgrund der Tatsache, dass nur Reiche sie sich leisten können, wird ihnen das Attribut „Eliteschule“ zuerkannt.
Da nun aber in unserer Gesellschaft immer noch die seit der Französischen Revolution bestehende Vorstellung einer Elitezugehörigkeit bzw. des Aufstiegs in die Elite durch Leistung dominiert, erwartet man von Eliteschulen automatisch, dass ihre Absolventen besonderen Leistungsanforderungen gerecht werden, also eine Leistungselite darstellen. Dies ist aber bei solchen Luxusinternaten nachweislich nicht der Fall. Im Gegenteil provozieren sie auch noch mit einer Eigenwerbung, die den Grundüberzeugungen einer demokratischen Leistungsgesellschaft diametral entgegengesetzt ist. Allein durch Zugehörigkeit zu dem sozialen Netzwerk ihrer Absolventen, so wird behauptet, seien selbst Schüler mit schlechtem Abi-Durchschnitt später beruflich erfolgreicher als ein 1,0-Abiturient eines staatlichen Gymnasiums.
Hier muss ich eindeutig feststellen: Diese Art von Eliteinternaten braucht unsere Gesellschaft nicht. Vor dem Hintergrund der Refeudalisierung der westlichen Gesellschaften halte ich ihre bloße Existenz schon für politisch bedenklich und gefährlich.
KK: Aber angeblich streben doch auch solche Luxusinternate wie Salem oder andere Landerziehungsheime eine soziale Öffnung durch Stipendien und Freiplätze an?
UL: Das ist größtenteils Augenwischerei bzw. wird die Öffentlichkeit durch den Hinweis auf den angeblich hohen Anteil an Stipendiaten gezielt an der Nase herum geführt. Freiplätze gibt es kaum. Stipendien werden fast ausschließlich nur als Zuschüsse gewährt. Der nach Abzug des Stipendiums verbleibende und von den weniger zahlungskräftigen Eltern aufzubringende Betrag liegt in aller Regel weit über dem Richtwert, den das Bundesverfassungsgericht angesichts des Sonderungsverbots des Artikels 7 unserer Verfassung im Interesse einer allgemeinen Zugänglichkeit privater Schulen noch für tolerabel hält.
Mit der Gewährung von Stipendien nützen die Luxusinternate im Übrigen nur sich selbst. Sie werden hierdurch keineswegs sozialverträglicher. Aufgrund ihrer hohen Pensionssätze und Schulgelder sind sie kaum in der Lage, eine prägende Zahl ihrer Schüler nach elitären Eignungskriterien auswählen. Sie müssen mehr oder weniger jeden nehmen, der den vollen Preis bezahlt und vielleicht sogar noch etwas drauflegt, damit hiervon Kosten-ermäßigungen für Stipendiaten finanziert werden können.
Lediglich bei den Stipendiaten kann man gewisse Ansprüche an die intellektuelle Leistungsfähigkeit oder die charakterliche Eignung stellen. Durch solche leistungsfähigeren und sozial angepassteren Eleven verbessern sich die Prüfungsergebnisse im Abitur und das soziale Klima dieser Einrichtungen. Dies kommt in erster Linie wieder denjenigen zugute, die von den Luxusinternaten mehr oder weniger nur gegen Geld mitgeschleppt werden, denn dank dieser Aufwertung wird immerhin der Schein gewahrt, eine Schule mit halbwegs „normalen“ Anforderungen besucht zu haben.
KK: Nun hört man aber auch häufig das Argument, die Kinder reicher Leute müssten nicht automatisch dumm oder verhaltensgestört sein. Könnten Internate wie Salem nicht trotzdem eine Leistungselite heranziehen?
UL: Das ist schon richtig. Natürlich gibt es sehr gut situierte Familien, die begabte und wohlerzogene Kinder hervorbringen. Die Frage ist allerdings, welches Interesse diese haben sollten, ihre Kinder ausgerechnet nach Salem oder in ein anderes Luxusinternat zu schicken.
KK: Erziehung zu größerer Selbständigkeit und Lebenstüchtigkeit vielleicht...
UL: Das Leben im Internat macht ja nicht grundsätzlich selbständiger als das Leben in einer Umgebung, die durch erziehungsfähige Eltern geprägt ist. Gerade die Landerziehungsheime von heute sollte man nicht verwechseln mit den reformpädagogischen Gründungen von einst. Internate sind mittlerweile zumeist durchrationalisierte Versorgungsbetriebe, wo die Schüler sich dreimal am Tag am Bufett anstellen und ständig hinter ihnen her geputzt wird. Die alltagspraktischen Tätigkeiten oder die ihnen übertragenen Pflichten haben oft nur noch eine Alibifunktion. Sie sind nicht wirklich wichtig für die Selbstreproduktion. Der Massenbetrieb und der Zwang, Personalkosten einzusparen, führen zu einer Kollektivierung des gesamten Lebens: Möglichst viele machen zur gleichen Zeit immer das Gleiche. Die Zeit wird weitgehend verplant, um die Freiräume zu begrenzen, in denen es zu unerwünschte Aktivitäten kommen könnte. Immer steht irgendein Erzieher oder Schüler-Kapo da, erinnert, treibt an oder läutet ein Glöckchen. Dies schwächt die Fähigkeit zur Selbststeuerung und entlastet von Eigenverantwortung.
Gleichzeitig gibt es den heimlichen Lehrplan der Internate, Subkulturen, in denen die ganze geordnete Welt des Internats in Frage gestellt wird. Die Schüler lernen, wie man sich der Kontrolle des Internats, die zwangsläufig immer irgendwelche Lücken aufweist, entziehen kann. Sie leben in einem ständigen Loyalitätskonflikt zwischen den Erziehern als Repräsentanten der offiziellen Werte und den Normen ihrer Internatskameraden, die den Regeln des Internats zuwiderhandeln. Sie geraten unter Gruppendruck, müssen sich entgegen ihren Überzeugungen an Dingen beteiligen, die vielleicht ihnen selbst oder anderen schaden, Fehlverhalten anderer dulden und decken, für andere lügen usw. Hierdurch wird die Gewissensinstanz beschädigt, das innere Steuerungsinstrument, die Autonomie des Einzelnen.
Selbständig wird man nur, wenn man lernt, sich selbst zu versorgen, seinen eigenen Dreck wegzumachen und sich selbst zu fordern. Selbständig wird man vor allem auch durch das eigenständige moralische Urteil, den eigenen Standpunkt, die Fähigkeit, das zu erkennen, was für den eigenen Lebenserfolg wichtig ist, und die für richtig erkannten Ziele unbeirrt zu verfolgen.
Das alles kann in einem nicht verwöhnenden, erzieherisch engagierten Elternhaus und vielleicht als Ergänzung dazu in einer Gastfamilie während eines Schüleraustausches sehr viel besser vermittelt werden als in einem Internat. Und das ist wohl auch der Grund, warum erziehungsfähige Eltern ihre wohlgeratenen Kinder nicht ins Internat geben, auch wenn sie sich das teuerste Luxusinstitut mit Leichtigkeit leisten könnten.
KK: Bliebe noch die Aussicht auf eine bessere schulische Förderung, auf kleinere Klassen, engagiertere Lehrkräfte... Das müsste doch gerade Eltern reizen, die sehr begabte Kinder haben und sehen, dass das Niveau öffentlicher Schulen immer mehr nach unten angepasst wird?
UL: Ich denke, dass Salem & Co. für besonders talentierte oder hochbegabte junge Menschen einfach nicht der richtige Ort sind, egal wie es um die Einkommenssituation der Familie bestellt ist. Ich sage das nicht nur, weil die Duldung solcher Luxusinternate schlichtweg verfassungswidrig und ein Skandal ist. Mein Hauptargument ist, dass Privatschulen dieser Art einfach Webfehler haben, die ihre Eignung als Bildungsstätten für eine geistige Elite grundsätzlich in Frage stellen. Sie haben ihren Eliteanspruch von Beginn an nicht einlösen können, einfach deshalb, weil ihre Abhängigkeit von privatem Geld keine entsprechende Schülerauswahl zulässt. Da können die Klassen noch so klein und die Ausstattung noch so luxuriös sein – es kommt am Ende eben keine Leistungselite heraus. Das haben internationale Studien nun wieder und wieder bewiesen: Die Schülerleistungen steigen nicht proportional zu den Ausgaben für eine bessere Schüler-Lehrer-Relation, mehr Labtops, mehr Whiteboards oder Video-Beamer im Klassenraum. Es kommt auf die Persönlichkeitseigenschaften sowohl auf der Schüler- als auch auf der Lehrerseite an. Jede Schule ist nur so gut, wie die Schüler es sind, die sie aufnimmt, und wie die Lehrer es sind, die dort unterrichten.
KK: Und genau in diesem Punkt schwächeln Salem & Co.?
UL: Was die Schülerseite angeht, ist hierzu genug gesagt worden. Aber die Versorgung mit Lehrern, die elitären Ansprüchen gerecht würden, ist ja ein ähnliches Problem. Da wird immer von handverlesenen Pädagogen dahergeschwafelt, dabei haben Salem & Co. größte Probleme, gute Leute zu finden und dann auch zu halten. Die Arbeitsbelastung von Lehrern und Erziehern im Internat liegt weit über derjenigen der Lehrer normaler Tagesschulen. Die Bezahlung ist keineswegs angemessen, soziale Sicherheit ein Fremdwort. Da soll mir mal einer erzählen, woher angesichts eines leergefegten Lehrerarbeitsmarkts gerade in Mangelfächern die vielen Superpädagogen in den Nobelinternaten kommen sollen. Blickt man mal hinter die Kulissen, stößt man auf lauter Lehrer mit der Fächerkombination Sport und Erdkunde, auf Sonderlinge, die irgendwo Familienanschluss suchen oder auf Quereinsteiger mit gebrochenen Biografien. Gerade wo Lehrer gleichzeitig als Erzieher eingesetzt werden, wie das zur Landerziehungsheim-Ideologie gehört, sind Fachlehrerbedarf und Bedarf nach qualifizierten Erziehern nur schwer in Einklang zu bringen. Die extreme Personalfluktuation an Internaten und häufige Leitungskrisen sprechen da eine deutliche Sprache.
KK: Stehen denn staatliche Elite-Internate, die Sie immerhin freundlicher beurteilen, in dieser Hinsicht wesentlich besser da?
UL: Wo der Staat sich als Träger von Internatsschulen mit hohen Leistungsanforderungen engagiert, haben Sie natürlich zunächst einmal ganz andere Möglichkeiten der Bewerberauswahl. Staatliche Eliteinternate stellen praktisch nur die Selbstkosten für Wohnen und Verpflegung in Rechnung. Das sind nur wenige Hundert Euro, die zum größten Teil durch die Eigenersparnis zu Hause oder ab der Oberstufe durch Schüler-BAföG ausgeglichen werden. Eine solche Schule kann jeder besuchen, der die strengen Aufnahmebedingungen erfüllt. Zusätzlich sorgt der Staat durch Talent-Scouting-Systeme oder Meldeverfahren dafür, dass genügend geeignete Bewerber zur Verfügung stehen. Das Leistungsniveau der SchülerInnen solcher staatlichen Eliteinternate ist von daher sehr viel höher als das teurer Luxusinternate. Das zeigt sich in nationalen und internationalen Wettbewerben immer wieder. Allerdings nimmt die veröffentlichte Meinung hiervon kaum Notiz. Die schaut lieber bei Salem & Co. durchs Schlüsselloch. Die Gründe habe ich eingangs genannt: Reichtum und Prominenz als Eigenschaften der Geldaristokratie sind in einer refeudalisierten Gesellschaft eben wichtigere Elitekriterien als echte Leistungen.
KK.: Aber entwerfen Sie hier jetzt nicht das Idealbild des staatlichen Eliteinternats? Nach unseren Informationen gibt es auch in den staatlichen Einrichtungen genügend Probleme.
UL: Teilweise muss ich Ihnen Recht geben. Ich denke zum Beispiel an St. Afra im sächsischen Meißen. Hier sollte ein Mega-Leuchtturmprojekt staatlicher Eliteförderung, eine Landesschule für mehrfach Hochbegabte, entstehen. Mit einem IQ von mindestens 130 als Eintrittskarte. Als Gründungsrektor hat man sich aber ausgerechnet einen ehemaligen Oberstufenleiter aus Salem geholt. Insbesondere die Arbeitsbedingungen der Lehrer sind 1:1 von einem Landerziehungsheim abgekupfert. Unvorstellbar. Mich wundert es nicht, dass St. Afra nach zehn Jahren in einer tiefen Krise steckt. Aber es gibt andere Internate wie das hessische Schloss Hansenberg oder viele Spezialschulen in den neuen Bundesländern, die gut funktionieren.
KK: Aber wie steht es mit prinzipiellen Nachteilen des Internatslebens, die Sie als quasi systembedingt bezeichnen?
UL: Solche systembedingte Nachteile können trotz einer besseren Schülerauswahl und einer eindeutig höheren Erfolgsquote natürlich auch in staatlichen Eliteinternaten auftreten. Aber man kann auch das System so ändern, dass Nachteile vermieden werden. Mein Standardbeispiel in diesem Zusammenhang sind einige Internate, die an Eliteschulen des Sports neu eingerichtet worden sind. Hier hat eine gründliche Evaluation dazu geführt, die Zahl der Belegplätze der Zahl der geeigneten Bewerber anzupassen. Diese Internate sind sehr klein und verzichten von daher auf private Schulen. Sie bieten dafür sehr viel private Rückzugsmöglichkeiten, d. h. in der Regel Einzelzimmer, fordern andererseits und vernünftigerweise aber auch sehr viel Beteiligung des Inter-natsschülers an der Hauswirtschaft. Bei der Hausaufgabenbetreuung wird echt gecoacht, ähnlich intensiv wie im sportlichen Training. Die machen eigentlich alles richtig, weil sie nur am Erfolg orientiert sind und nicht irgendwelche Traditionen zu verteidigen oder irgendwelche Burgen und Schlösser zu unterhalten haben. In anderen Elite-internaten öffentlicher Träger, die an herkömmlichen Internatsstrukturen festgehalten haben, sind die Verhältnisse aber keineswegs so idyllisch. Da gibt es erschreckende Beispiele.
KK: Welche Probleme kann man dort beobachten?
UL: Man sieht zum Beispiel, dass eine handverlesene Schülerschaft eben auch nicht dazu führt, dass nun lauter Musterkinder harmonisch nach den Regeln der Erwachsenen zusammenleben und nach höchsten Leistungen streben. Auch in Eliteinternaten bildet sich wieder eine Art Leistungshierachie oder Normalverteilung heraus, weil eben die individuellen Voraussetzungen der einzelnen Schüler trotz entsprechender Aufnahmeverfahren nie völlig identisch sind und auch das Entwicklungspotenzial und die Entwicklungsgeschwindigkeit große individuelle Unterschiede aufweisen können. Nicht jeder reagiert auf die Konzentration besonders begabter Schüler in einer Klasse mit einer Explosion seiner Leistungsfähigkeit. Es gibt auch Frustration und Demotivation als Folge der Erfahrung, nun in einem härteren Leistungswettbewerb zu stehen und nicht mehr der unbestrittene Klassenprimus zu sein.
Hinzu kommen weitere Dinge: Jede verdichtete Wohnform zum Beispiel, die das Leben in größeren Internate nun einmal darstellt, bringt Probleme mit sich. Natürlich ist eben das Aufwachsen in einer überschaubaren und klar strukturierten Familie und nicht das Leben in der Horde Gleichaltriger, wo alle Mitglieder zur selben Zeit dieselben Entwicklungsprobleme zu bewältigen haben, Kontakt zum anderen Geschlecht suchen, ihren Rangplatz in der Gruppe finden müssen usw. Da gibt es auch viel Ärger mit Anwohnern wegen Lärmbelästigung oder arrogantem Auftreten, viele Regelverletzungen, Probleme mit Alkohol und illegalen Drogen, eingeschleusten Mädchen auf Jungenzimmern und dergleichen mehr.
Ein weiteres Problem scheint das der Privilegierung zu sein. Man darf jungen Menschen nicht das Gefühl geben, bereits dadurch etwas geleistet zu haben, dass sie bei dem Aufnahmeverfahren eines bestimmten Eliteinternats erfolgreich waren. Das Bewusstsein der Privilegierung senkt die Leistungsmotivation vor allem dann, wenn die Eleven nicht immer neu zur Leistung herausgefordert werden. So manches Leuchtturmprojekt, ich denke da ganz besonders an das bereits Erwähnte in Hessen, ist für unsere Gesellschaft am Ende vielleicht gerade so notwendig wie ein Leuchtturm(projekt) in den Weinbergen es eben sein kann.
KK: Also sind Investitionen in Eliteinternate zur Förderung Hochbegabter in Ihren Augen rausgeschmissenes Steuergeld?
U.L.: Manchmal staune ich allerdings auch, wer sich so alles in einem Eliteinternat bewirbt und dann tatsächlich sogar aufgenommen wird. Sorgfältige Schülerauswahl scheint zuweilen doch sehr relativ zu sein. Man kann eben nur unter denen auswählen, die sich bewerben. Eltern haben hier häufig die Einstellung: Ins Eliteinternat gehören nur die Besten – und mein eigenes Kind. Auch unter Jugendlichen scheint es eine verbreitete Tendenz zur Selbstüberschätzung zu geben, was man ja auch bei jeder Casting-Show des Privatfernsehens vorgeführt bekommt.
KK: Es scheint aber doch einen breiten gesellschaftlichen Konsens darüber zu geben, dass die Gruppe der Hochbegabten einer besonderen Förderung bedarf. Welche Rolle spielt Internatserziehung in der Hochbe-gabtenförderung?
UL: Eine ziemlich geringe. Es gibt ca. 30.000 Internatsplätze in der Bundesrepublik. Um jedem hochbegabten Kind oder Jugendlichen einen Platz in einem Hochbegabteninternat anbieten zu können, müsste dieses Angebot mindestens verzehnfacht werden. Es liegt auf der Hand, das niemand das bezahlen könnte und ich kenne auch niemanden, der das ernsthaft fordert.
KK: Es wäre doch denkbar, ein abgestuftes System zur Förderung Hochbegabter aufzubauen, das vielleicht schon in der Regelschule beginnt und an dessen Spitze dann vielleicht einige Eliteinternate stehen, die den Besten der Besten die optimalen Entwicklungschancen bieten?
UL: Sicherlich wäre ein solches System vorstellbar, wobei natürlich zunächst einmal sichergestellt werden müsste, dass die Förderung Hochbegabter in der Breite, d.h. an den einzelnen Schulen, tatsächlich stattfindet. Leider ist hier die Entwicklung in den einzelnen Bundesländern noch sehr uneinheitlich. Klar ist aber, dass Hochbegabte ein verfassungsmäßiges Recht auf angemessene Förderung haben und dass diese Förderung innerhalb des herkömmlichen Schulsystems zu gewährleisten ist. Man kann Eltern nicht vor die Alternative stellen, sich entweder von ihrem Kind zu trennen und es in ein Internat zu geben, oder auf Hochbegabtenförderung zu verzichten.
Genau dies ist übrigens die Position vieler Eltern hochbegabter Kinder und auch die Position der Wirtschaft. So hat sich zum Beispiel der Landesverband Hochbegabung Baden-Württemberg e.V. sehr deutlich gegen spezielle Hochbegabteninternate, insbesondere solche in privater Trägerschaft, ausgesprochen. Und Kurt Lauk, Präsident des Wirtschaftsrates der CDU, tritt für eine Förderung besonders begabter Kinder in regulären Schulen ein. Elite dürfe sich nicht absondern, damit das, was sie leisten könne, möglichst auch anderen Kindern zugute komme.
Man sollte übrigens die Forderung nach Elite-Förderung für alle, die einen hohen IQ haben, einmal grundsätzlich auf ihre Plausibilität hin überprüfen. Eine pädagogische Rechtfertigung hierfür gibt es im Grunde nicht, denn man weiß aufgrund entsprechender Längsschnitt-Untersuchungen aus den USA, dass die Ausbildung hochbegabter Kinder unter besten Bedingungen keine Garantie für spätere Spitzenleistungen darstellt. Damit werden Schul-versuche wie St. Afra im Grunde höchst fragwürdig.
KK: Nun richtet sich Ihre Kritik aber schwerpunktmäßig gegen private Hochbegabten-Internate. Waren solche Privatinitiativen nicht oft Vorreiter auch für die Entwicklung des öffentlichen Bildungswesens?
UL: Ich bin ja kein Privatschulgegner aus Prinzip und hoffe, dass Sie mir dies hier auch nicht unterstellen wollen. Ich stimme Ihrer These von der Vorreiterrolle privater Schulen für die Entwicklung des öffentlichen Bildungswesens ja teiweise zu, z.B. was den Ausbau der höheren Mädchenbildung oder des beruflichen Schulwesens angeht. Aber wenn die Vorreiterrolle bzw. das Sich-Abheben-Wollen vom staatlichen Bildungssystem zum werbestrategischen Markenzeichen privater Anbieter verkommt, entsteht - vor allem in Zeiten rückläufiger Nachfrage - die Gefahr, sich mit unausgereiften Konzepten zu früh aus dem Fenster zu hängen – zum Schaden der Kinder und Jugendlichen, die in scheiternden Projekten dann u.U. verheizt werden.
KK: Welche Rolle spielen denn private Träger derzeit in der Hochbegabtenförderung?
UL: Eine sehr viel geringere als öffentliche Träger. Die meisten Internate für hochbegabte und hoch befähigte Schülerinnen befinden sich in Trägerschaft von Ländern, Kommunen oder Stiftungen unter staatlicher Beteiligung. Private Einrichtungen treten fast ausschließlich mit Angeboten für Hochbegabte in Erscheinung, die von seelischer Behinderung bedroht sind oder deren Leistungen weit hinter dem zurückbleiben, was von dem Test-IQ her zu erwarten wäre, die sogenannten Underachiever. Reine Hochbegabten-Internate gibt es hier aber meines Wissens nicht mehr, sondern nur noch eine sog. „integrierte Hochbegabtenförderung“. Dort werden z.B. an ganz normalen Internatsschulen besondere Klassen oder Schulzweige für die kleine Gruppe unter den Hochbegabten gebildet, die aufgrund ihrer labilen Persönlichkeit oder einer schwierigen Umgebung von Entwicklungsproblemen bezw. seelischer Behinderung bedroht sind.
KK: Wie steht es um die Qualität solcher privaten Angebote für hochbegabte Underachiever?
UL: Ich habe da einen zwiespältigen Eindruck. Es gibt doch einiges an Beschwerden. Vermutlich wurden die Konzepte zur integrierten Hochbegabtenförderung oft mit der heißen Nadel gestrickt, um auf den Zug der Hochbegabtenförderung möglichst schnell aufspringen zu können. Seriöse Wissenschaftler, mit denen die Anbieter in der Gründungsphase oft zusammengearbeitet haben, haben sich teilweise sehr schnell wieder zurückgezogen, weil sie mit den theoretischen Grundannahmen oder der praktischen Umsetzung nicht einverstanden waren.
Ganz sicher falsch war die Grundthese, dass der sonderpädagogische Förderbedarf hochbegabter Problemkinder, also etwa Verhaltensauffälligkeiten im Unterricht oder eben die Minderleistung, von einer „Unterforderung“ herrühre, die durch Chinesisch und Japanisch als fünfte und sechste Fremdsprache ganz einfach zu beheben sei. Von daher war es Unsinn, Konzepte zu entwickeln, durch die die Gehirne hochbegabter Underachiever einfach nur „mehr Futter“ erhielten.
KK: Gibt es denn Erkenntnisse darüber, wie das Potenzial hochbegabter Schülerinnen und Schüler gezielt gefördert werden kann?
UL: Die gibt es mittlerweile schon. Allerdings lassen sich hieraus kaum Argumente für die Hochbegabtenförderung in Elite-Internaten ableiten. Die allgemeine Tendenz oder der allgemeine Konsens der Wissenschaftler geht eindeutig in Richtung auf Verbesserung der allgemeinen Schulqualität. Man sagt also: Schule allgemein und für alle zu verbessern, dient der Hochbegabtenförderung mehr als die Durchführung einzelner, nur auf Hochbegabte abgestellter Maßnahmen.
KK: Sie würden also, um ein Fazit zu ziehen, Eliteinternate für Hochbegabte nicht unbedingt für notwendig halten und Eltern hochbegabter Kinder auch nicht zu einem Eliteinternat raten?
UL: So generell kann man das nicht sagen. Die von der Wissenschaft geforderte Verbesserung der allgemeinen Schulqualität durch guten Unterricht nach den bekannten Kriterien, durch Verbesserung der Lehreraus- und Fortbildung sowie durch gezielte Unterstützung hochbegabter SchülerInnen im Regelschulsystem mit Hilfe von innerer Differenzierung, Zusatzangeboten, beschleunigtem Durchlaufen der Schullaufbahn, fachspezifischer Akzeleration usw. – all diese Maßnahmen sind ja erst unzureichend umgesetzt oder teilweise noch gar nicht in Angriff genommen. Bis diese greifen, kann es schon sinnvoll sein, ein durch entsprechende Lernerfolge eindeutig als hochbegabt identifiziertes Kind zum Beispiel in eine Spezialschule für Musik, für Sprachen oder für Naturwissenschaften bzw. in eine Eliteschule des Sports zu geben. SchülerInnen, die bereits sehr früh gute Leistungen auf einem bestimmten Gebiet gezeigt haben, sind erfahrungsgemäß mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die Kandidaten für künftige Spitzenleistungen. Ein höherer Aufwand für die Ausbildung erscheint damit absolut gerechtfertigt und sinnvoll.
KK: Wem würden Sie dann aber vom Internatsbesuch abraten?
UL: Ich rate solchen Eltern ab, die ihr Kind mal haben testen lassen und jetzt glauben, mit Hilfe eines Eliteinternats unbedingt eine Spitzenleistung aus ihm herauskitzeln zu müssen, die es nach dem Testergebnis vielleicht erbringen müsste, aber tatsächlich nicht erbringt. Hierzu sollte man wissen, dass Intelligenztests mit erheblichen Messfehlern behaftet sind. Dreißig von hundert Kindern, denen in IQ-Tests ein Wert von 130 und höher zuerkannt wird, sind in Wahrheit gar nicht hochbegabt. Hinzu kommt, dass eine vererbte hohe Intelligenz sich im Kindesalter noch erheblich reduzieren kann, wenn sie nicht schon sehr früh durch entsprechende geistige Herausforderungen trainiert wird.
Solche Kinder, die aufgrund eines Messfehlers fälschlich als hochbegabt etikettiert wurden bzw. die eine früh diagnostizierte Hochbegabung mangels Trainings eingebüßt haben, sind in Eliteinternaten überfordert. Ihnen geht es noch wesentlich schlechter als unterforderten Hochbegabten. Erst recht muss ich natürlich solchen Eltern abraten, die von vornherein wissen, dass ihr Kind weder über die für Hochbegabte kennzeichnenden geistigen Fähigkeiten verfügt noch diejenigen Persönlichkeitsmerkmale aufweist, die ebenfalls für die Erbringung von Spitzenleistungen notwendig sind, also z.B. spezielles Interesse, Arbeitsdisziplin, Leistungsmotivation und Kreativität. Wenn dann trotzdem der Versuch gemacht wird, den Nachwuchs in einem Eliteinternat für Hochbegabte
unterzubringen, geschieht dies aus reiner Geltungssucht. Prestigedenken ist aber bei der Internatsauswahl ein schlechter Ratgeber. Ich denke dabei auch an die Vielen, die von ihren Eltern in englische Eliteinternate geschickt werden. Diese nehmen zwar zunächst einmal jeden zahlenden Gast auf. Doch nach einem Jahr heißt es dann: Sorry, es hat leider nicht gereicht. Dann sind die ersten 30.000 Euro aber schon sinnlos verheizt.
KK: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Kontakt
Ansprechpartner: Ulrich Lange
Internatsberatung der AVIB gemn.e.V.
Ferienpark Burgblick 3
35327 Ulrichstein/Hessen
Telefon: 06645/918789
Fax: 03222 377 3044
EMail: AVIB_Ulrichstein@t-online.de


 


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