Elite im Abseits?

Nur selten nimmt die veröffentlichte Meinung Notiz von den wirklichen Elite-Internaten in Deutschland! Berichten die Medien von Elite-Internaten, geht es fast immer um teure Privatinstitute, die auf den einen oder anderen prominenten Schüler verweisen können, aber weder hohe Anforderungen stellen noch sich durch Spitzenleistungen ihrer Eleven hervortun. Die leistungsorien-tiertesten Internatsschulen in Deutschland - sämtlich in staatlicher Trägerschaft und spottbillig - werden praktisch tot geschwiegen. Sebastian Lehmann hat diesen Skandal vor einigen Jahren öffentlich gemacht. Wir zitieren aus seinem Bericht "Wer schlau ist, macht rüber - Weil die westlichen Bundesländer sich mit der Elitenförderung schwer tun, zieht es immer mehr hochbegabte Schüler in die staatlichen Spitzen-Internate im Osten" (Der STERN Nr. 41/2000, S. 215 ff.):

"Georgs Schule sieht aus wie hundert andere: drei Stockwerke Plattenbau auf kargem Hof, eine Turnhalle, ein paar Holzbänke, am Tor die zugige Raucherecke. Nicht schön, aber das ist dem 17-Jährigen egal. Er wollte mit anderen lernen, die so sind wie er. Nicht mehr auf denRest der Klasse warten. Sich nicht mehr langweilen. Und weil so etwas im Westen nur für eine Menge Geld zu haben ist, fährt Georg von Gneisenau jetzt jedes Wochenende die 550 Kilometer vom heimischen Schleswig-Holstein nach Jena zur "Carl-Zeiss-Spezialschule". Er ist ein West-Ost-Bildungspendler. Und längst nicht der einzige.

Während nämlich in den alten Bundesländern noch diskutiert wird, ob man sich vom egalitären Schulideal der 70er Jahre verabschieden soll, gedeiht im Osten die ministeriell geförderte Elite-Erziehung - basierend auf einem flächendeckendenNetz von Begabtenschulen aus DDR- Zeiten. In der Jenaer "Spezialschule" für mathematisch-naturwis-senschaftliche Talente etwa unterrichtet ein Lehrer nur 20 Jugendliche pro Klasse. Georg und seine Mitschüler haben statt der üblichen 32 fast 40 Unterrichtsstunden pro Woche, davon allein sieben Stunden Mathe, drei Stunden Physik und drei Stunden Informatik, mit blitzschnellen neuen Rechnern. Hundert Meter vom Schulbau entfernt leben und lernen die 40 Auswärtigen in rauhfasertapezierten Doppelzimmern mit Etagenbetten. Unterkunft und Verpflegung kosten 300 Mark im Monat, weniger als die Hin- und Herfahrerei mit der Bahn.

"Es ist kaum zu glauben, dass im Westen so wenig über die guten Schulen im Osten bekannt ist", sagt Georgs Mutter Barbara von Gneisenau, die selbst erst nach mühsamen Recherchen in den einzelnen Landeskultusministerien auf die "Carl-Zeiss-Spezialschule" aufmerksam wurde. Das Bundesministerium für Bildung und For- schung hatte ihr einfach die Broschüre "Begabte Kinder finden und fördern" geschickt, ein knapp 100 Seiten starkes Heft mit schlauen Sprüchen ("Begabungsförderung - eine wichtige Aufgabe der Schule"), hanebüchenen Ratschlägen ("Kaufen Sie dem Kind Nachschlage-werke"), Fotos von bemüht hochbegabt schauenden Kindermodels und dem auf Seite 52 versteckten Hinweis, das Kind könne doch auf eines der drei bundesdeutschen "Jugenddorf-Christophorus"-Privatinternate geschickt werden. Das kostet allerdings, etwa in Braunschweig, 30600 Mark pro Jahr - das Nettogehalt eines Facharbeiters.

Auch die 21 Lehranstalten, die das Magazin "Focus" im vergangenen Jahr auf einer Internats-Hitliste nannte, waren allesamt privat und teuer (11000 bis 45000 Mark pro Jahr) - und bis auf zwei sämtlich westdeutsch. "Was mich erschreckt, ist, dass der Osten bei Ihnen nicht vorkommt", protestierte darauf der Leser Karl Büchsenschütz, auch weil er selbst ein Kleinod unter den ostdeutschen Elite-Internaten leitet: Schulpforta bei Naumburg an der Saale.

Schulpforta ist mit 220 Mark pro Monat eines der billigsten staatlichen Internate und hat bereits einen Ruf über Sachsen-Anhalt hinaus: Fast ein Zehntel der 320 Schüler kommt aus westdeutschen Bundesländern in die Efeubehangenen Gebäude des ehemaligen Zisterzienserklosters, weil sie zu Hause keine vergleichbare Schule gefunden haben.

Karoline Beisel aus Aachen, Tochter eines Bauingenieurs und einer Grundschullehrerin, besucht die Klasse 12s. "S" steht für "Sprachen", Karolines besonderes Talent. Zurzeit paukt die 17-Jährige Englisch, Französisch, Latein und Spanisch, Russisch hat sie abgewählt. Andere Schüler gehören zu "Spezialzweigen" für Naturwissenschaften ("n") oder Musik ("m") und werden auf diesen Gebieten besonders gefordert - in einer Atmosphäre, die so idyllisch ist, dass Schulleiter Büchsen-schütz anfangs fürchtete, sie könne seine Schützlinge ablenken.

Schulpforta gehört zu den drei "Fürstenschulen", die Moritz von Sachsen vor gut 450 Jahren in Klöstern einrichten ließ, "damit es mit der Zeit an gelahrten Leut in unsern Landen nicht Mangel gewinne". Immerhin zwei dieser Traditionsanstalten (Schulpforta und Grimma) waren auch zu DDR-Zeiten in Betrieb und überstanden die Wende. Die dritte macht der Freistaat Sachsen gerade wieder auf: St. Afra in der Porzellanstadt Meißen wird ab dem nächsten Schuljahr wieder ein Elite-Internat. Schulleiter Werner Esser will dort "Domänen-Begabungen" fördern und schwärmt von "der innovativen Kraft des Ostens" in der Bildungspolitik - die sich bereits in der Meißener Personalpolitik zeigt. Mitte September mussten die ersten Stellenanwärter zum "Assessment-Center" antreten, einem sonst nur in der freien Wirtschaft üblichen, harten Auswahlverfahren. "Was wir bei unseren Schülern zur Aufnahme voraussetzen", sagt Esser, "können wir schließlich auch von den Lehrern verlangen."

Pragmatischer Umgang mit der Förderung der Besten, die schulische Kadertradition der DDR - die alten Länder werden es nicht leicht haben, den Vorsprung aufzuholen, den die Ostdeutschen in der staatlichen Eliteförderung aufgebaut haben. Von den einst 15 mathematisch-naturwissenschaftlichen Spezialschulen der DDR-Bezirke sind immer- hin elf übriggeblieben, die meisten mit Internat. Die beiden einzigen Musikgymnasien bundesweit, die nach dem Abitur einen Zugang zu einer der begehrten Musikhochschulen fast garantieren, liegen in Dresden und Weimar. Dazu kommen humanistisch geprägte staatliche Top-Internate zu Sparpreisen wie die drei "Fürstenschulen" des Moritz von Sachsen.

Aber anders als die Zöglinge mancher West-Nobelschule legen die Hochbegabten an den neuen Kaderschmieden im Osten wenig Wert aufs Elite-Image - im Gegenteil, es geht vielen gewaltig auf die Nerven. Wenn am Wochenende die Touristen in das sehenswerte Kloster Schulpforta einfallen, setzt Karoline Beisel sich auf das Fensterbrett ihres Zimmersim dritten Stock und lässt sich begaffen. 'Dabei lese ich dann demonstrativ ,Bild'-Zeitung", sagt die Schulsprecherin, 'und mache ganz laut Musik von Guildo Horn an.'"

Sebastian Lehmann  Copyright STERN


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