Hochbegabtenförderung:

Den privaten Trägern bleiben nur die "Problemfälle"

Die Frage, welche besondere Förderung hochbegabte Schüler und Schülerinnen erhalten sollten, ist nicht unumstritten. Durch aggressive Lobby-Arbeit ist es betroffenen Eltern sowie einer Unterstützerszene aus den Bereichen Medizin, Entwicklungspsychologie, Psychotherapie usw. gelungen, die Probleme sogenannter "Underachiever" (in der Regel minderleistende Hochbegabte mit begleitenden psychischen Störungen) stark in den Vordergrund der öffentlichen Diskussion zu rücken. Hochbegabtenförderung wird daher heute fast automatisch im Zusammenhang mit der Behebung von Schwierigkeiten oder Nachteilen diskutiert, die die öffentliche Regelschule durch fehlendes Eingehen auf die Bedürfnisse überdurchschnittlich begabter Kinder und Jugendlicher verursacht habe.

In erster Linie waren es private Träger, die sich mit Schul- und Internatskonzepten für diese neu entdeckte Problemgruppe vorwagten. Dass hier z.T. wohl auch Strategien verfolgt wurden, wenig aus- gelastete Einrichtungen mit Hilfe staatlicher Fördergelder wieder rentierlicher zu machen bzw. Hochbegabtenförderung als "Geschäfts- idee" umzusetzen, darf in diesem Zusammenhang nicht verschwiegen werden. Aus der an sich positiven Pionierleistung der privaten Träger  ergab sich allerdings die negative Konsequenz, dass fehlende Erfah- rung zu vielerlei Irrwegen und Missständen führte.  Hochbegabten- internaten in privater Trägerschaft standen und stehen z.T. in äußerst  schlechtem Ruf. Gründungen wie die "Talenta-Schule für Hochbegabte" in Geseke-Eringerfeld endeten in einem  Fiasko (Schließung 2005). Ganz offensichtlich wurden insbesondere die Folgen einer Konzen-tration hochbegabter SchülerInnen mit z.T. gravierenden psychischen Störungen und sozialen Anpassungsproblemen anfangs unterschätzt. Selbst anerkannte Modelle wie die Jugenddorf-Christophorusschule Braunschweig ernteten im Hinblick auf die Qualität der Internats-konzepte harsche Kritik, wie die nachfolgende "Testbewertung" eines ehemaligen Schülers in einem Internet-Forum (dooyoo) belegt:

Quelle: Testbericht von thx  1138 über Jugenddorf Christophorusschule Braunschweig. Datum: 16.10.2000

 "Der Schulbetrieb ist vorbildlich, doch auch hier gibt es ein paar schwarze Schafe, wenige Lehrer sind zwar vom Fachgebiet her sehr gut, haben aber kaum didaktische Fähigkeiten. Das ist schade, da dadurch etwas Motivation verloren geht. Angeschlossen an die sonst öffentlich zugängliche Schule (auch für normale Kinder gut geeignet) ist das Internat für (damals) 120 Schüler. Die Zimmer sind sehr gut ausgestattet, letztens renoviert und allesamt mit Internetzugang. [...] Die elterlichen Aufgaben sollen von sogenannten Jugendleitern über- nommen werden, womit leider nicht die Erziehung gemeint ist. Denn daran scheitert das ganze Konzept der Schule. Meistens sind Hoch- begabte nämlich etwas schwieriger als "normale" Kinder und so brauchen sie auch etwas mehr Betreuung. Das ist aber nicht gegeben. Wenn man also daran denkt sein Kind ins Internat zu schicken, sollte es schon sehr eigenständig sein und einen stabilen Geisteszustand haben, da es hier nämlich nicht weiter positiv geprägt wird. Durch das Wohnen auf engerem Raum kann es sehr schnell zu unerwünschten Nebeneffekten kommen. So bleiben Alkohol, Rauchen - im Zweifelsfall auch Drogen - nicht aus."

Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass sich Eltern hochbegabter Kinder ohne psychische Störungen in Baden-Württem- berg mit Händen und Füßen gegen Pläne der Landesregierung sträubten, ein geplantes Gymnasium für hochleistende Hochbegabte unter Regie eines privaten Trägers zu installieren:

>>Wir wollen kein Internat für hoch begabte Kinder!
Landesverband Hochbegabung Baden-Württemberg e.V. erteilt Plänen der Landesregierung eine Absage

06.05.2002 Der Landesverband Hochbegabung Baden-Württemberg e.V. (LVH) hat der kürzlich beim Bildungskongress in Ulm geäußerten Absicht der Landesregierung, der Errichtung eines privaten Internats durch das Christliche Jugenddorfwerk (CJD) für hoch begabte Schülerinnen und Schüler zuzustimmen, dazu deutliche Ablehnung signalisiert.

BILDUNGSAUFTRAG STAATLICHER SCHULEN

Hochbegabtenförderung - was nichts anderes ist als die Förderung von Spitzenschülern - gehört an jede einzelne staatliche Schule. Ein privates Internat für Hochbegabte würde sich zu einem Auffangbecken für schwierige hoch begabte Schülerinnen und Schüler entwickeln, für die sich die staatlichen Schulen nicht zuständig fühlen wollen,  so wie dies durch das Fiasko mit dem CJD-Hochbegabteninternat Altensteig vor Jahren bestätigt worden war. "Beim heutigen Kenntnisstand für einen zweiten Versuch des CJD, etwa in Maulbronn, Gelder der Landesstiftung zu verbraten, ist absolut unangebracht," meinte dazu Theresa Müller am Dienstag (6. Mai 2002), 1. Landesvorsitzende des LVH. Sie verwies auch auf die in anderen Bundesländern gemachten negativen Erfahrungen mit Privatschulen, in denen Kinder nach IQ-Kriterien Aufnahme finden.

Müller hält solche Schulen für bildungspolitisch unklug, wissenschaftlich unbegründet und menschlich nicht nur für Schüler und Schülerinnen mit hohem IQ diskriminierend, sondern auch für staatliche Lehrkräfte. Würde mit diesem Schritt doch unterstellt, dass Lehrkräfte an staatlichen Schulen nicht in der Lage seien, hoch begabte Kinder zu fördern. Dagegen sprechen jedoch ganz eindeutig die Ergebnisse staatlicher Schulleistungszentren in den östlichen wie den westlichen Bundesländern, die - anders als die sog. Hochbegabten-Schulen - regelmäig nationale und internationale Preisträger wie z.B. in den Naturwissenschaften hervorbringen. 

 

 

 

 

ENTWICKLUNG SCHÄRFERER SCHULPROFILE

Nach Meinung des LVH sollte dagegen den Schulen in Baden-Württemberg im Rahmen der neu zu entwickelnden Bildungspläne die Möglichkeit gegeben werden, eigene Profile zu entwickeln, zu denen eine deutliche Leistungsorientierung gehören würde. Alle interessierten und leistungs- orientierten Schülerinnen und Schüler könnten dann diese Spezialzüge besuchen, unabhängig davon, ob sie als hoch begabt identifiziert sind oder nicht. "Mathematisch-naturwissen-schaftliche Spezialschulen, Gymnasien mit mehreren Fremdsprachen und bilingualem Zug sowie humanistische Gymnasien mit natur-wissenschaftlich-technischen Angeboten auf hohem Niveau sind für lernbegeisterte Schülerinnen und Schüler attraktiver als ein einziges Internat mit Hochbegabtenförderung, über das bis jetzt keine Aussage vorliegt, was dort überhaupt gefördert werden soll", macht Müller deutlich.  Haben sich anerkannte Gymnasien mit hohem Niveau und Nachfrage aus dem ganzen Land gebildet, würe es dann immer noch ein Leichtes, eine Internatsunterbringung anzugliedern, wie es sich z.B. beim naturwissenschaftlichen Schülerforschungszentrum, einem Kooperationsprojekt mehrerer Schulen in Oberschwaben, aufgrund der großen Nachfrage in Bad Saulgau abzeichnet.

 

 

Müller gab darüber hinaus zu bedenken, dass die Ergebnisse der PISA-Studie gegen eine weitere Trennung einzelner Schülergruppen spricht. Während landesweit immer mehr Kinder aus Sonderschulen in den Regelunterricht integriert werden, sehen sich intellektuelle Frühentwickler nun plötzlich der unfreiwilligen Aussortierung und Entfernung auf eigene Kosten aus dem staatlichen Schulsystem gegenüber.

Bisher konnten diese jungen Frühentwickler integriert bleiben - vor allem weil ihnen, wie anderen leistungsbereiten Kindern auch - die Möglichkeit gegeben wurde, das Gymnasium in acht statt neun Jahren zu durchlaufen. Mit dem achtjährigen Gymnasium für alle ab 2004 gelte es daher erst recht, die Leistungsprofile der einzelnen Gymnasien noch weiter zu entwickeln. 

 

 

 

 

LANDESVERFASSUNG GARANTIERT BEGABUNGSGERECHTE STAATLICHE FÖRDERUNG

Mit dem Alibi-Objekt eines privaten Hochbegabteninternats würde die Landesregierung nach Aussage des LVH nur die Fehler anderer Bundesländer wiederholen und eine verhängnisvolle Weichenstellung in der Begabtenpolitik vornehmen. "Bisher kann kein Schulleiter die Förderung hoch begabter Kinder verweigern, steht ihnen doch laut Landesverfassung Art. 11 das Recht auf eine ihrer Begabung entsprechende Erziehung und Ausbildung zu. Mit einem privaten Internat könnten diese Kinder wesentlich einfacher aus dem staatlichen Schulsystem abgeschoben werden und sich das Land aus seiner Verpflichtung schleichen nach der Devise: "Geh' doch ins Internat, wenn du hier unzufrieden bist!" erklärte Theresa Müller.

 

 

ROLLE DER JUGENDÄMTER

Was mit einem privaten Träger außerdem nach einer Billiglösung für das Land aussehe und die Familien an den CJD-Schulen in Braunschweig monatlich mindestens € 1200 (DM 2400,-) und in Rostock € 1000 (DM 2000,-) kostet, kommt an ganz anderer Stelle als finanzielle Belastung auf das Land zurück: Ein Teil der Internats- und Schulkosten dieser Privatschulen wird über Jugendämter finanziert. So kostet z.B. am CJD Braunschweig die monatliche psychosoziale 24-Stunden-Betreuung eines jugendlichen Hochbegabten bisher über € 3500 (DM 7000,-).  Bildungskosten in dieser Höhe würde kein Bundesland öffentlich für einen einzelnen Schüler als Förderbetrag ausweisen. Bundesweit gibt es auch keinerlei Erhebungen, welche Beträge über Jugendämter unter Hinweis auf drohende seelische Behinderung nach § 35a des Kinder- und Jugendhilfe-Gesetzes als "Hochbegabtenförderung" an in-und ausländische private Einrichtungen bezahlt werden.

Was aber am allermeisten wiegt und worauf die Erwachsenenwelt in der Regel keinerlei Rücksicht nehmen, ist die strikte Ablehnung dieser Kinder, über das Etikett "hoch begabt" und nicht über ihre Neigungen und Stärken definiert zu werden. Wie aus England vorliegende Langzeit-Untersuchun- gen an jetzt Erwachsenen belegen, haben die meisten damit während ihrer Schulzeit so früh Etikettierten bis ins Erwachsenenalter darunter mehr oder minder schwer gelitten.

Um diese Leiden für nicht IQ-identifizierte Erwachsene hierzulande nachempfindbar zu machen, bleibt wahrscheinlich nur eines: Jede/n Baden-Württemberger/in einschließlich der Mitglieder der Landesre-gierung darauf zu verpflichten, ihr IQ-Schildchen deutlich sichtbar am Revers zu tragen!

 

Theresa Müller, LANDESVERBAND HOCHBEGABUNG BADEN- WÜRTTEMBERG e. V. <<

 

Leider blieben die vernünftigen Bedenken der Eltern hochbegabter Kinder ohne begleitende psychische Störungen weitgehend unberück-sichtigt, so dass sich der Landesverband Hochbegabung Baden-Würt- temberg zu einer erneuten Stellungnahme veranlasst sah:

Zur heutigen Entscheidung des baden-württembergischen Landeskabinetts, eine einzügige Internatsschule für Kinder mit IQ 130 einzurichten, nimmt der LANDESVERBAND HOCHBE-GABUNG BADEN-WÜRTTEMBERG e.V. wie folgt Stellung:

>> 10.12.2002  Mit dem Beschluss, ein staatliches Gymnasium für hoch begabte Kinder einzurichten, hat die Landesregierung ein Eigentor geschossen. Mit der Verwendung des Begriffes "Hochbegabung" knüpft sie das Niveau und den Anspruch besonderer schulischer Förderung an den Schwellenwert IQ 130. Gleichzeitig ist dies ein Eingeständnis, dass die ehemals für Gymnasien typische Schülerschaft mit hohem IQ im bestehenden Schulsystem nicht mehr adäquat ausgebildet und gefördert wird.  Betroffen sind von diesem Mangel aber nicht nur jene 30 Schülerinnen und Schüler der geplanten Eingangsklasse für die einzügige Sonderschule, sondern insgesamt drei Prozent aller Grundschüler in Baden-Württemberg, nämlich 13 740 Kinder,  bzw. insgesamt 36 450 Kinder und Jugendliche im gesamten Schulwesen. Was aber 30 Kindern per Kabinettsbeschluss zugestanden wird - sollte es sich tatsächlich um Unterrichtsprogramme mit höheren intellek-tuellen Anforderungen handeln - darauf erlangen nun auch die übrigen Unterforderten Rechtsanspruch.

 

Des Kaisers neue Schule als opportune Tages- und Alibilösung lässt das tatsächliche und drängendste Problem hoch begabter Kinder in Baden-Württemberg allerdings weiterhin ohne Langzeit-Konzept: Die zunehmende Zahl der unter Zehnjährigen, die nach Früheinschulung und nicht selten mit dreijähriger Grundschulzeit auf darauf unvor-bereitete Gymnasien zukommt und diese auch in jungem Alter verlässt. Wenn die neue Institution aber eher für verhaltensauf-fällige Kinder und für solche mit Lernschwierigkeiten geplant ist, worauf die Internats- vergabe an einen privaten Träger schließen lässt [Hervorhebung ZFI], so sollte dies auch offen und unter Bekanntgabe der therapeutischen Richtlinien zugegeben werden. Die weit überwiegende Mehrheit hoch begabter Kinder in Baden-Württemberg ist ebenso weit davon entfernt, solche Maßnahmen in Anspruch nehmen zu müssen. Ihr Anteil behandlungsbedürftiger Kinder ist nicht höher als bei Kindern in anderen IQ-Bereichen [Hervorhebung ZFI].

 

 Theresa Müller, LANDESVERBAND HOCHBEGABUNG BADEN-WÜRTTEMBERG e. V. <<

 

 

Eine Lösung der hier angesprochenen Problematik ist wahrscheinlich nur möglich, wenn man die Frage der Förderung von Schülerintelligenz konsequent von der Hochbegabten-Diskussion trennt. Hier haben verschiedene Bundesländer unter dem Etikett "Förderung Hoch- leistender" bereits gute Lösungen entwickelt, z.T. durch an Tages-schulen angegliederte Angebote, z.T. aber auch durch staatliche Elite-Internate. Eine wichtige Voraussetzung des Erfolgs staatlicher Elite-Internate besteht darin, die neu geschaffenen Einrichtungen durch eine ausreichende finanzielle Ausstattung von den für private Inter-natsschulen typischen wirtschaftlichen Abhängigkeiten zu befreien und eine aktive Schüler-Rekrutierung durch Werbung und Talent-Scouts im öffentlichen Schulwesen bzw. eine strenge Bewerberauswahl zu betreiben. Geschieht dies nicht, könnte den staatlichen Elite-Internaten für intellektuell Hochleistende das gleiche Schicksal bevorstehen wie einigen "Eliteschulen des Sports" im Osten Deutschlands, über die die mehrfache Olympiasiegerin Birgit Fischer folgendermaßen urteilt

"In der DDR flog der runter, der nichts draufhatte. Das war konsequent. Und heute? Da sind in einer Klasse höchstens zehn Prozent Leistungssportler", sagte die 42-jährige Fischer der "Sport Bild" zum Thema Sportschulen. "Mein Sohn war auf einer solchen Eliteschule des Sports. Die stehen auf dem Schulhof, rauchen und kiffen. Die Nicht-Leistungssportler ziehen die anderen mit runter."

 

 

Quelle: http://www.sport1.de

 

 

 

 


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